Das riecht nach Adel
Ulf Poschardt positioniert sich in seinem Buch „Shitbürgertum“ als wildgewordener Denker, der sich von den Zumutungen der woken Linken befreien will. Mehr als ein ungezügelter Liberalismus fällt ihm als Antwort allerdings nicht sein.
Ein Bestseller mit fragwürdigen Bewertungen
Auf Amazon steht Poschardts Polemik „Shitbürgertum“ nach wie vor (Stand Jänner 2026) auf Rang 5 in der Rubrik „Gesellschaftskritik“. Das Buch hat über 1.800 globale Bewertungen, zwei Drittel davon mit 5 Sternen. Erst bei genauerer Betrachtung wird deutlich: Nur ein Viertel der Bewertungen sind echte Rezensionen, und unter diesen gibt es recht viele, die dem Buch wenig abgewinnen können.
Dünne Luft auf geistigen Höhen
Auch ich bin mit Ulf Poschardts Polemik nicht wirklich warm geworden. Auf den lichten geistigen Höhen, in denen der Autor – immerhin einer der bestbezahlten Journalisten Deutschlands – seine Argumentation ansetzt, ist die Luft dünn, und die Gipfel sind voller Schnee. Fürs geordnete Denken sind diese Umweltbedingungen nicht unbedingt ein Vorteil.
Zu Beginn legt Poschardt eine Verbindungslinie der Scheinheiligkeit von den deutschen Großschriftstellern der Nachkriegszeit, wie Martin Walser, Günter Grass & Co., die oftmals eine veritable NS-Vergangenheit unter den Teppich gekehrt hatten, zu den heutigen Vertretern der Wokeness. Das kann ich nachvollziehen. Allerdings wäre das für mich kein Grund – für Poschardt schon – den Ausweg aus dem moralischen Klammergriff in einem entgrenzten Liberalismus zu suchen, der uns schon den einen oder anderen Finanzkollaps beschert hat. So nach dem Motto: „Make the Germans Übermenschen again.“
Nietzsche, Ferrari und der belesene Wutbürger
Nietzsches „Zarathustra“ zieht sich durch Poschardts schmales Buch und zeigt, dass der Redakteur von Welt, der bei Friedrich Kittler dissertiert hat, wie er in einem Nebensatz fallen lässt, nach Höherem strebt. Dass einer wie er von deutschen Kleingeistern angezeigt wird, wenn er seinen Oldtimer-Ferrari im Parkverbot oder halb auf Gehsteigen stehen lässt, erbittert ihn. Wie kann man auch nur so spießig sein? Wie können sich die grünen Habenichts nur erdreisten, einem Ferrarifahrer den Stinkefinger zu zeigen? (Rein metaphorisch natürlich.)
Sollten Sie aus die Absätze bisher als Zickzackkurs empfunden haben, dann geht es Ihnen wie mir bei der Lektüre von „Shitbürgertum“. Denn Poschardt tritt nicht als sachlicher Analytiker, sondern vielmehr als wild gestikulierender Marktschreier in Erscheinung. Er gefällt sich in der Rolle des philosophisch belesenen Wutbürgers, der hin und wieder in ein hippes Kauderwelsch verfällt, etwa wenn er schreibt: „Viel von der Gegenwartsliteratur liest sich wie ein anämischer Line Extender gestriger Leitartikelrhetorik.“– Anämischer Line Extender? Hä?
Revoluzzerpose statt klarer Analyse
Die heutige Leitartikelrhetorik, die beim Chefredakteur Poschardt zur Anwendung gelangt, ist dagegen voller fetter Stilbrüche und folgt ungefähr dem Motto: „Feste auf alles draufhauen, was sich im Lande politisch so regt, irgendwas werde ich schon treffen. Hauptsache, die FDP bleibt verschont.“ (Die bewegt sich ja auch nicht.) So landet er durchaus ein paar Treffer, haut aber noch öfter mächtig daneben. Das dafür in Revoluzzerpose.
„Shitbürgertum“ liest sich wie eine unausgegorene Abfolge von Leitartikeln und Glossen. In einer Zeitung würde ich sie überblättern, weil Poschardts Befund, dass „in einer dauergereizten Empörungsgesellschaft“ die Neigung herrsche, „weitgehend wild um sich zu schlagen“ vor allem für den Autor selbst gilt. Nur dass er offenbar nicht merkt, wie sehr er mit seinen verbalen Versatzstücken zwischen akademischer Ausdrucksweise und Mediengosse ein veritables Rumpelstilzchen abgibt. Der Erkenntniswert seines Buches bleibt dadurch um Klassen bescheidener als das intellektuelle Protzgehabe des Autors.
Genetische Dispositionen und die Mayflower
Dazu kommt: Kaum hat der Redakteur einen Gedanken auf den Weg gebracht, schon lässt er ihn in kleinkarierten Aufzählungen versickern, wie spießig und faul und bequem das Land geworden sei. Einen der Gründe für die Bequemlichkeit ortet er darin, dass die „genetische Disposition zum Wettbewerb und Eigenverantwortung“ sich vor 400 Jahren auf der Mayflower nach Amerika ausgeschifft habe. Was ist das jetzt? Rassenkunde neoliberal remixed?
Ein gewaltiger Schwund an jenem Ehrgeiz, den er vital in US-Figuren wie der Lügenschleuder Donald Trump verkörpert sieht, sei Europa verloren gegangen, bedauert Poschardt. An Trump, Musk & Konsorten gefällt ihm, dass sie den woken Linken kräftig einschenken, um Neues erschaffen zu können. Schon ist das Schlagwort „disruptiv“ zur Hand und ein entsprechendes Zitat (Schumpeter) parat. Und schon schlägt der Oldtimerfahrer des Zeitgeistes ein neues Kapitelchen auf, um seiner neoliberalen Empörung ein nächstes Ziel zu suchen.
Immer das gleiche Ziel: die woke Scheinlinke
Aber eigentlich ist es immer das gleiche Ziel, nämlich die Scheinmoral der woken Scheinlinken. „Moral hat Deutschland öfter schon ruiniert“, behauptet er – leider ohne zu erklären, welchen moralischen Anspruch etwa der Nationalsozialismus gehabt hätte. Meines Wissens haben die Nazis rücksichtslos den Vorteil des eigenen, rassisch interpretierten Volkes verfolgt und dabei jede Moral fahren gelassen, mit Ausnahme der Kampfmoral. Oder war es moralischer Furor, der aus Hitlers Glauben an die Überlegenheit der reinrassigen (ökonomisch-genetisch also noch voll intakten) Deutschen gesprochen hat, und der sich – gleich wie bei Poschardt – aus einer Überdosis Nietzsche-Lektüre speiste?
Dünkel statt Antworten
Der Dünkel, der aus allen Seiten des Buches quillt, macht die Lektüre schwer erträglich. Poschardt sieht sich auf Augenhöhe mit Staatenlenkern und Großmogulen, die – wie Trump, wie Musk, wie der Argentinier Javier Milei – das Feld der Kleingeisterei aufmischen. So wie seine Idole bleibt auch der Autor im identitären Gruppendenken stecken: Wir, die befreiten Geister, die für Höheres geboren sind, gegen die Spießer, die Lauche, die Neider, kurz: die Grünen!
Schuldig bleibt er auch eine Antwort, wie sich mit dieser „Scheiß auf alle Ordnungen“-Haltung, der nicht nur der Klimawandel, sondern auch das Völkerrecht völlig egal sind (wie man nach dem US-Überfall auf Venezuela sieht), die globalen Probleme der Zukunft lösen lassen. Hauptsache weniger Staat, so Poschardts simple Antwort auf alles. Mir ist das zu wenig.
Der Geistesadel des Autors
Mehr als einen Cocktail aus wild geshakten Phrasen hat das „Shitbürgertum“ nicht zu bieten. Ich weiß nicht, welche Droge man sich zuführen muss, um die geistigen Ergüsse in angemessenem Gemütszustand erfassen zu können. Koks? Oder eine Dosis Mist? Der österreichische Ausdruck dafür, dass Mist auf Felder ausgebracht wird, heißt „adeln“. Nur in diesem Sinn sind Poschardts Texte als Geistesadel eines ein- und übergeschnappten Großjournalismus zu verstehen. Fast ist es ein Wunder, dass es im Buch zwar Reverenzen in Richtung Francesca Meloni, nicht aber an Mussolini gibt. Man sollte nicht vergessen: Auch der Duce hat mal als Journalist begonnen, und er war ein genialer Poseur.
PS: Bester Ein-Stern-Verriss
Der beste Ein-Stern-Verriss auf Amazon stammt übrigens von einem anonymen Amazon-Kunden. Unter dem Titel „I want my money back“ schreibt er Folgendes:
„Die Kurzfassung dieses Buches lautet:
- Da habe ich es meinesgleichen aber mal so richtig gegeben.
- Wer ist der geilste Checker, der Ulf!
- Ich bin in Philosophie promoviert, weiß das jetzt auch jeder?
Ich rate davon ab, das Buch während einer Autofahrt zu hören. Die monotone Stimme des Autors fördert den Sekundenschlaf.
Warum das Büchlein auch noch in einfacher Sprache verlegt wird, erschließt sich mir nicht. Die Gedanken sind schlicht und die Erkenntnisse übersichtlich. Was bleibt da übrig? Ein Notizbuch?“
Ulf Poschardt: Shitbürgertum. Westend Verlag: Neu-Isenburg 2025