Kleine Texte

Der Feminismus als Staatsreligion

Der 8. März, Internationaler Tag der Frauenrechte, ist weniger bekannt unter dem informellen Namen Internationaler Tag des ausufernden Gynozentrismus. Dabei wäre der angemessener.

Was ist Gynozentrismus? Es ist das kulturelle Mainstream-Phänomen, alles nur noch durch die Brille des Feminismus zu betrachten. Von den führenden Medien des Landes bis hin zur Hofburg: Überall war schon im Vorfeld des Frauentages der Ruf nach radikaler Gleichstellung im Sinne des Feminismus zu vernehmen.

Gleichstellung – aber nur, wo „wir so weit sind“

Ja, die Gleichstellung der Geschlechter muss endlich und bis ins Letzte vollzogen werden. Außer es geht darum, die Wehrpflicht auch auf junge Frauen auszudehnen: Da sind wir politisch noch nicht so weit, wie Familienministerin Claudia Bauer in der „Pressestunde“ im Jänner 2026 unumwunden zugab. Ende der Diskussion. Wenn es jedoch darum geht, Männer in die Pflicht zu nehmen: Jederzeit gerne! Und so wird darüber verhandelt, die Dauer des Präsenzdienstes zu erhöhen, um die grenzwertigen Boreout-Erfahrungen, die Wehrdiener beim Bundesheer machen, auf die Spitze zu treiben.

Aber halt. Wer redet über Anliegen von Männern, wenn doch das ultimative Ziel ist, die Benachteiligung von Frauen aus der Welt zu räumen? Und als Belege dafür, dass hier bei uns noch viel im Argen liegt, werden immer wieder zwei Argumente ins Treffen geführt: der Gender-Pay-Gap und das Thema Gewalt gegen Frauen.

Der Pay-Gap

Der Gender-Pay-Gap wird mittlerweile sogar von der FPÖ als politische Kampfansage gewertet. Frauen, die arbeiten, verdienen in Österreich alles in allem rund ein Sechstel weniger als berufstätige Männer. Was zum allergrößten Teil daran liegt, dass Frauen und Männer unterschiedliche Berufe unterschiedlich intensiv ausüben, weil sie unterschiedliche Präferenzen haben. Frauen suchen sich, wenn sie die freie Wahl haben (wie beispielsweise in Skandinavien oder bei uns), bevorzugt jene Berufe aus, die ihren Interessen entgegenkommen, selbst wenn diese Berufe finanziell nicht so viel einbringen. Außerdem streben Frauen von sich aus weniger oft in gehobene berufliche Positionen als ihre männlichen Kollegen. Sie arbeiten auch öfter in Teilzeit, um Zeit für sich, ihre Kinder und soziale Belange zu haben. Die Mehrheit der Frauen sieht darin – repräsentativen Studien zufolge – eine höhere Lebensqualität verwirklicht als im Joballtag.  

Dazu gibt es valide empirische Daten, die der deutsche Soziologieprofessor Martin Schröder im Buch „Wann sind Frauen wirklich zufrieden? Überraschende Erkenntnisse zu Partnerschaft, Karriere, Kindern, Haushalt“ (C. Bertelsmann 2023) zusammengetragen hat. Die Zahlen belegen auch, dass Frauen mit ihrem Leben im Schnitt gleich zufrieden sind wie Männer und zudem eine Spur häufiger als Männer das Gefühl haben, sich frei entscheiden zu können. – Aber um Himmels willen: Jedem, der aus dieser Perspektive auf empirische Daten blickt, wird umgehend der Schädel zurechtgerückt. Das bekam auch Martin Schröder zu spüren. Sein Vorgängerbuch „Wann sind wir wirklich zufrieden?“ wurde in Deutschland 2020 als „Wissenschaftsbuch des Jahres“ ausgezeichnet. Als er diesselbe Methode auf Genderthemen anwandte, erntete er durchwegs Rüffel – sogar in der konservativen Tageszeitung „Die Welt“. Die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung schrieb gar von einem „infamen Buch“. Aber im Prinzip sieht sich jeder Mensch, der kritische Einwände gegen illiberale feministische Perspektiven vorbringt, sehr schnell mit dem Vorwurf maximaler Verwerflichkeit konfrontiert.

„Frauenfeindlichkeit, Misogynie, reaktionäres Patriarchat, Manosphäre!“

Die Waffe des Feminismus

Die wichtigsten Waffen des Feminismus sind die Empörung und die Vorhaltung – und das im Dauermodus. Daher bekommen wir zwei Mal im Jahr den Gender-Pay-Gap vorgehalten, weiters jeden Jänner die zweite ermordete Frau des Jahres, im Dezember dann die kumulierte Zahl der im Lauf des Jahres ermordeten Frauen, und jedes Jahr im „Frauenmonat“ März das ganze Programm der Benachteiligungen, von denen laut Feminismus ein Frauenleben gekennzeichnet ist: im Beruf, in der Medizin, im Privaten.

Dabei – ich sage es nochmal – zeigen seriöse Studien, dass Frauen mit ihrem Leben im Schnitt gleich zufrieden sind wie Männer, in den letzten Jahren sogar eine Spur zufriedener. Nur passt das nicht ins Bild von der unterdrückten Frau und vom dominanten Patriarchat. Und deshalb werden diese Einsichten verschwiegen, geleugnet oder niedergebrüllt.

Gewalt zieht immer

Damit auch wirklich klar ist, wo die Unterdrückung exklusiv daheim ist, gibt es zum Glück für den Feminismus das Thema Gewalt gegen Frauen; und dafür seien Männer – nämlich immer und alle – verantwortlich. Keine Ausrede!

  • Die Mehrzahl der Bankräuber ist männlich. Dennoch ist es bisher keinem vernünftigen Menschen eingefallen, zu behaupten, es wären alle Männer für die Banküberfälle verantwortlich.
  • Die Mehrzahl der Lebensretter ist männlich. Bisher habe ich nach einer Rettungsaktion vergeblich einen Leitartikel über die lebensrettende Kraft positiver Männlichkeit gesucht.
  • Die Mehrzahl der Gewalttäter bei häuslicher Gewalt ist männlich. – Und jetzt kommt die feministische Logik ins Spiel: Männer stehen samt und sonders für diese Gewalttaten in der Verantwortung.

Wer das leugnet, ist fix ein Frauenhasser.

Alle Männer sind für Gewalt verantwortlich? – Applaus!

Wer anlässlich von Gewalttaten, die von Ausländern/Migranten begangen werden, alle Ausländer als kriminell einstuft oder sie in die Pflicht nehmen will, ist ausländerfeindlich, rassistisch und steht politisch ziemlich sicher extrem rechts.

Wer anlässlich von Männern begangener Gewalttaten an Frauen alle Männer als verantwortlich betrachtet, wird in die Hofburg eingeladen, und der Bundespräsident sagt dann dort im Rahmen der Veranstaltung „Lauter! Frauen!“ zum Weltfrauentag 2026 unter Applaus: „Für uns Männer bedeutet das: Wir müssen Verantwortung übernehmen.“

Von Gewalt betroffene Frauen sollen jede Hilfe erhalten, die sie benötigen, und die gewalttätigen Männer ihre Strafe erhalten. Auch Präventionsmaßnahmen sind unbedingt notwendig. 2024 gab es beispielsweise 14.000 gerichtliche Wegweisungen – diese Zahl entspricht 0,3 % der erwachsenen männlichen Bevölkerung. Aber warum sollen die 99,7 % der Männer, die sich nichts zuschulden kommen lassen, die ihre Frauen und Familien lieben, für die gewalttätigen Männer, mit denen sie nichts gemein haben als das Geschlecht, „Verantwortung übernehmen“? Das geht mit meinem Begriff von Gerechtigkeit nicht zusammen. Ich finde diese Sichtweise schlicht sexistisch – und noch dazu von einem patriarchalen Rollenbild geprägt, dem ein langer Bart anhaftet. Und noch ein Einwand: Die Psychologie kennt einige Faktoren, die zur Gewaltbereitschaft beitragen, z. B. eigene Gewalterfahrungen in der Kindheit. Das Geschlecht ist dabei weniger aussagekräftig, als uns der Feminismus weismachen will.

Der Bundespräsident meinte weiters, man solle Frauen helfen, die bedrängt werden. Und solle die Stimme erheben, wenn man sexistische Witze hört, denn da beginne schon die Gewalt. – Ich glaube, es gibt kaum einen Mann, der einer Frau, die von einem Typen bedrängt wird, nicht helfen würde. Selbst wenn es brenzlig ist. Ich selbst bin noch nie in so eine Situation gekommen. Weitaus öfter erlebe ich in meinem Umfeld, dass eine Frau einen Mann anpflaumt wegen nichts und wieder nichts. Wenn jemand sexistische Witze reißt, gebe ich dem Witzeerzähler zu verstehen, dass das daneben ist. Und hoffe, er oder sie lernt dazu. Ich glaube jedoch, dass in den meisten Fällen eher Blödheit als Gewaltbereitschaft hinter solchen Witzen steckt.

Der Feminismus kann nicht irren

Nur wenn Feministinnen einseitige Sichtweisen verbreiten – dann habe ich lange Zeit den Mund gehalten. Ich wollte nicht meinen Ruf riskieren oder mich beschimpfen und diffamieren lassen. Denn scheinbar sehen es alle so: Die Frauen sind in unserer Gesellschaft die Opfer von Gewalt und Benachteiligung, die Männer die Täter und Nutznießer. Auch immer mehr Männer stimmen in dieses Lied ein. Gynozentrismus: der Blick auf die Welt durch die Brille des Feminismus. Aber es ist ein sehr einseitiger Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit.

Die europäische Frauenbewegung hatte, bevor sie in den 1990er-Jahren ideologisch vom US-Radikalfeminismus geentert wurde, einen ausgeprägteren Gerechtigkeitssinn. Neulich jedoch sei der Feminismus „besessen von der Identitätsproblematik und der Idee, dem männlichen Geschlecht den Prozess zu machen“, schreibt die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter bereits 2004 in ihrem Buch „Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer.“ – Heute würde Badinter allein für diesen Untertitel öffentlich gegeißelt werden. Es gibt per definitionem keine feministischen Irrtümer mehr. Der Feminismus ist sakrosankt geworden.

Häusliche Gewalt gegen Männer? – Mir kommen gleich die Tränen

Und wie steht es mit den schwachen Frauen und gefährlichen Männern? – Laut Opferschutzverband „Weißer Ring“ erfahren 29 % der deutschen Männer zumindest einmal im Leben körperliche Gewalt im trauten Heim. Zählt man psychische Gewalt dazu, kann laut „Weißer Ring“ jeder zweite Mann ein Lied von häuslicher Gewalt singen. In Deutschland gibt es Wikipedia zufolge bei einer Bevölkerung von rund 40 Millionen Männern für jene Männer, die häusliche Gewalt erfahren, 30 Plätze in 10 Männerhäusern. Frauen erleben Studien zufolge drei Mal so häufig Gewalt in der Beziehung wie Männer. Für sie gibt es daher 40 Mal so viele Schutzangebote wie für Männer: In Deutschland existieren rund 400 Frauenhäuser.

In Österreich gibt es keine einzige Schutzeinrichtung für Männer. Nicht einmal in Wien. (Oder besser: Schon gar nicht im roten Wien.)

Auch die EU hat 2024 eine „Richtlinie zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen“ verabschiedet. Männliche Opfer häuslicher Gewalt können damit eigentlich nur in den Wald gehen und sich aufhängen. Denn sie werden in der Richtlinie nicht erwähnt, von der Öffentlichkeit nicht gesehen und vom Feminismus nicht anerkannt – höchstens ausgelacht.

„Es gibt Männer, die von ihren Frauen verprügelt werden? – Mir kommen gleich die Tränen!“

Tote und Tote

Was die Morde an Frauen in Österreich betrifft: Am 15. Jänner gab es einen medialen Aufschrei, nachdem in einer Woche zwei Frauen ermordet worden waren. Wieder der Ruf, mehr zu tun. Neu dazugekommen ist die Aufforderung an die Männer, „Verantwortung“ zu übernehmen.

Zum gleichen Zeitpunkt hatten sich statistisch gesehen in Österreich bereits 40 Männer das Leben genommen. Von den rund 1.200 Suiziden jährlich entfallen 80 % auf Männer. 2024 waren es 972 Männer und 247 Frauen, die sich das Leben nahmen. Spezifische Präventionsmaßnahmen, die auf Männer zugeschnitten sind: null. Gesellschaftliche Kenntnis des Problems und der drastischen Zahlen: äußerst mager.

In Wien sind in derselben Woche, wie die Frauenmorde medial hochgekocht wurden, zwei obdachlose Männer auf der Straße erfroren. Geschätzte 70 % der rund 21.000 Obdachlosen in Österreich sind Männer. Empörung darüber? – Es ist eh traurig. Aber warum sollte man sich aufregen?

Einseitige Debatte

Ich finde es zunehmend problematisch, dass die politische Debatte rund um Geschlechtergerechtigkeit so einseitig geführt wird. Linke Parteien konzentrieren sich seit Jahren auf Benachteiligungen von Frauen und blenden strukturelle Ungerechtigkeiten, die Männer betreffen, weitgehend aus. Ja, mehr noch: Wer Anliegen von Männern auch nur benennt, wird des „Frauenhasses“ verdächtigt. Das ist eine Tabuisierungsstrategie, die den Feminismus und feministische Politik als Staatsreligion betrachtet und jede Kritik an feministischen Verzerrungen als Blasphemie.

Eine glaubwürdige Gleichstellungspolitik sollte nicht selektiv sein. Strukturelle Ungleichheiten verdienen Aufmerksamkeit – unabhängig davon, wen sie treffen. Denn genug Männer erleben Ungerechtigkeiten, die in unserer Gesellschaft verankert sind: von der Wehrpflicht über die unzulängliche Suizidprävention bis hin zur 5 Jahre kürzeren Lebenserwartung im Allgemeinen. Nur werden diese Faktoren nicht als strukturell wahrgenommen, sondern vom Gender-Pay-Gap und Gewaltthema überlagert und damit aus der Öffentlichkeit verbannt, von Feministinnen kleingeredet, lächerlich gemacht und tabuisiert. Merkt keiner in den anderen Parteien, dass damit ein weiteres reich bestelltes Wähler-Feld der FPÖ zum Ernten überlassen wird?

Der Gender-Förder-Gap

Die Institutionen und Vereine, die sich Gender- und Frauenanliegen verschrieben haben, wären auch blöd, ihre Gleichstellungspropaganda anders als durch die feministische Brille zu betrachten. Schließlich hat die Republik Österreich 2026 ganze 34 Millionen Euro für Frauen- und Familienförderung budgetiert. Davon fließen schätzungsweise gerade mal 500.000 Euro in Männerarbeit, vornehmlich in die Gewaltprävention. Mit anderen Worten: Frauenagenden werden über 60 Mal so stark gefördert wie Männeranliegen. Der Gender-Förder-Gap beträgt mithin 97 % zum Nachsehen der Männer. Es ist mir keine Gleichbehandlungsstelle bekannt, die diesen Umstand anprangern würde. Im Gegenteil: Wer das Ungleichgewicht benennt, macht sich antifeministischer Umtriebe verdächtig.

Ah ja, und noch etwas: In Österreich sind der Kriminalstatistik zufolge 80 % der Opfer von schwerer Körperverletzung … Männer. Und was leiten wir daraus ab? – Nichts.


Hier die Quellen zu den im Artikel ins Treffen geführten Zahlen: