Mann mit Regenschirm, (c) Werner Schandor
Kleine Texte

Keine Schirme mehr, dann regnet’s nicht!

Die Kampagne „Stoppt Gewalt an Frauen“ blendet psychologische Erkenntnisse über die Ursachen von Gewalt aus und bedient ein fragwürdiges Männerbild.

Ich bin einer jener Menschen, die es bedenklich finden, dass Männer, wie vom Bundespräsidenten anlässlich einer Veranstaltung zum Weltfrauentag gefordert, „Verantwortung übernehmen“ sollen für Gewalttaten, die nicht sie, sondern irgendwelche Menschen begangen haben, mit denen sie nichts teilen als das Geschlecht. Warum lehne ich diese Forderung ab? Ich könnte es kurz machen und sagen: Weil Männer durch das Anprangern „männlicher Gewalt an Frauen“ unter Generalverdacht gestellt werden und man darin lupenreinen Sexismus erblicken könnte.

Für mich gibt es aber noch zwei weitere Aspekte: 1.) Der feministische Kampf gegen häusliche und sexualisierte Gewalt geht psychologisch betrachtet nicht an die Wurzel des Problems. 2.) Die Kampagne „Stoppt Gewalt an Frauen“ befördert ein Weltbild, das sich potenziell nachteilig auf das Miteinander der Geschlechter auswirkt.

Aber eins nach dem anderen.

Fehlende psychologische Einsicht

Ein Schweizer Psychotherapeut und Trauma-Experte hat Ende November 2025 in einem mittlerweile gelöschten LinkedIn-Beitrag unter dem Titel „Hurt people hurt people“ folgende Einsichten aus seiner therapeutischen Praxis formuliert (unter anderem):

  • Gewalt entsteht aus unverarbeitetem Leid – unabhängig vom Geschlecht.
    Deshalb ist es problematisch, Prävention nur auf weibliche Opfererfahrungen auszurichten.
  • Wenn Gewalt primär als männliche Tat gegen weibliche Opfer dargestellt wird, internalisieren Männer, dass sie „keine Opfer sein dürfen“. Frauen wiederum gelten seltener als Täter. Diese Verzerrung behindert Prävention auf beiden Seiten.
  • Männliche und nicht-binäre Opfer tauchen in vielen Statistiken kaum auf – nicht, weil es sie nicht gibt, sondern weil Scham, Rollenbilder und fehlende Angebote die Meldung verhindern. Prävention, die nur sichtbares Leid adressiert, wird zwangsläufig ineffektiv.
  • Wer männliches Leid ignoriert, schafft strukturelle Leerstellen – und fördert genau die Gewalt, die verhindert werden soll.

Sein Fazit: Gewaltprävention ist dann am wirksamsten, wenn sie alle Betroffenen einschließt. Keine Hierarchie des Leids. Keine geschlechtsbezogene Begrenzung. Nur ein integrativer Ansatz durchbricht Gewaltketten nachhaltig.

Da der Therapeut in der Zwischenzeit sein LinkedIn-Profil gelöscht hat, möchte ich seinen Namen nicht nennen. Seine Argumente finde ich auf jeden Fall erhellend. Mir haben sie zudem bewusst gemacht, was mich an der „Stoppt Gewalt an Frauen“-Kampagne von Anfang an irritiert hat: Der feministischen Sicht fehlt die psychologische Einsicht. Ja, dem Feminismus scheint generell der Wille abzugehen, die individuellen Ursachen von Gewalt zu ergründen. Stattdessen wird die Thematik rein auf „struktureller“ Ebene bewertet, denn dort zeigt sich: Frauen sind in hohem Ausmaß die Opfer von häuslicher Gewalt, Männer die Täter.

Das Geschlecht ist kein Faktor

Was liegt also näher, als „Patriarchat“ und „Männlichkeit“ für Gewalt verantwortlich zu machen? – Und so wird in Artikeln, Leserbriefen und auf Demos der Ruf laut, männliche Gewalt an Frauen zu stoppen und „toxische“ Männlichkeit bzw. Männlichkeit generell als Wurzel des Übels zu bekämpfen.

Wenn man allerdings die psychologische Forschung befragt, so zeigt sich interessanterweise: Das Geschlecht ist kein Faktor, der Gewalt begründet. Zu den elementaren Ursachen häuslicher Gewalt zählen vielmehr traumatische Gewalterlebnisse und dysfunktionale Familienstrukturen in der Kindheit – in Verbindung mit geringer Emotionsregulation sowie häufig Alkohol- und Drogeneinfluss. Über diese Faktoren herrscht Konsens in der Psychologie, wie etwa eine Auswertung von 25 Langzeitstudien über Gewaltursachen ergab, die 2015 in der US-Fachzeitschrift „Agression and violent behaviour“ erschienen ist.[1] Der deutsche Psychologe und Youtuber Varnan Chandreswaran beruft sich auf diese und weitere Studien in einem Video, das er im März 2026 veröffentlichte.[2] Darin bringt er aus fachlicher Perspektive seine Einwände gegen den von Feministinnen stets behaupteten Kernzusammenhang von Männlichkeit und Gewalt vor.

Keine Schirme mehr!

Der Psychologe weist darauf hin, dass, wer Gewalt gegen Frauen ursächlich mit Männlichkeit in Beziehung setzt, Korrelation und Kausalität verwechselt. Zur Veranschaulichung für diesen sozialwissenschaftlichen Kardinalfehler bringt er einen Vergleich: Wenn man im Freien Leute mit Schirmen sieht, dann sind meist die Straßen nass. Es gibt also eine Korrelation zwischen Schirmen und nassen Straßen. Ein kausaler Fehlschluss wäre es aber, daraus zu folgern: Wegen der nassen Straßen spannen die Leute die Schirme auf. Oder noch abstruser: Weil die Passanten Schirme aufspannen, sind die Straßen nass. – Beides ist falsch, denn beides lässt die eigentliche Ursache außer Acht: den Regen.

Um in diesem Bild zu bleiben: Feministinnen, die gegen „männliche Gewalt“ mobilmachen, ohne die von der Psychologie erkannten Faktoren zu berücksichtigen, wie und warum Gewalt entsteht, verbreiten den Schlachtruf: „Keine Schirme mehr, dann bleiben die Straßen trocken!“

Wer nur wahrnimmt, dass es eine auffällige Häufung in der Täter-Opfer-Verteilung gibt, aber nicht bedenkt, dass sich daraus kein kausaler Zusammenhang zwischen Geschlecht und Gewalt ableitet, und pauschal gegen „männliche Gewalt“ zu Felde zieht, verkennt wesentliche Bedingungen häuslicher Gewalt und wird daher mehr schlecht als recht zu effektiver Prävention beitragen können. Aber nicht nur das: Er verleugnet zwangsweise auch das gewalttätige Potenzial von Frauen in Beziehungen ebenso wie das Ausmaß, in dem Männer von häuslicher Gewalt betroffen sind.

“Not all men, but always men?” – Falsch!

Eine österreichische Querschnittstudie aus dem Jahr 2011 sieht Männer in Summe ebenso oft als Opfer von psychischer, körperlicher oder sexualisierter Gewalt in Partnerschaften wie Frauen. Die entsprechenden Zahlen stellt der Sozialpädagoge Andreas Huber in seinem Gastbeitrag „Männer als Opfer häuslicher Gewalt“ auf der Website gewaltinfo.at des Bundeskanzleramtes vor.[3] Andere von ihm ausgewertete Studien sehen einen geringeren Anteil an männlichen Opfern. Allen Studien ist aber gemeinsam, dass sie belegen, „dass Männer in wesentlich größerer Anzahl Opfer von Gewalt und Partnergewalt sind, als uns das in den Medien vermittelt wird.“

Auch die französische Feministin und Philosophin Elisabeth Badinter weist bereits 2004 in ihrem Buch „Die Wiederentdeckung der Gleichheit“ nachdrücklich darauf hin, dass Gewalt von Frauen „lange Zeit schlicht ignoriert oder unterschätzt worden“ ist. Badinter erinnert an die unrühmliche Rolle von Frauen in Nazideutschland und beim Völkermord von Ruanda in den 1990ern, macht aber auch auf alltägliche Beispiele weiblicher Gewalt aufmerksam. Und sie kommt zum Schluss: „Wer systematisch die Gewalt und die Macht der Frauen ignoriert und letztere ständig zu Unterdrückten, also Unschuldigen erklärt, zeichnet das Bild einer in zwei Teile gespaltenen Menschheit, das der Wahrheit wenig ähnelt: hier die Opfer der männlichen Unterdrückung, dort die allmächtigen Täter.“[4]

Genau dieses Bild wird jedoch von der Kampagne „Stoppt Gewalt an Frauen“ verfestigt. Und da die Männer die Täter sind („Not all men, but always men!“, heißt es), sollen auch jene Männer, die keine Gewalttaten begangen haben, „Verantwortung übernehmen“.

Männer sollen „Verantwortung übernehmen“

Oberflächlich besehen fordert der feministische Ruf nach männlicher Verantwortung für Gewaltverbrechen an Frauen Solidarität zwischen den Geschlechtern ein, und viele Männer kommen ihm daher aus voller Überzeugung nach. Aus kulturkritischer Perspektive offenbart sich dahinter aber eine zweite Ebene: Die Forderung nach „männlicher Verantwortung“ bedient eine disintegrative Sichtweise der Geschlechter, die ihren Ursprung im US-Radikalfeminismus der 1970er/80er-Jahre hat. Demnach werden Frauen seit jeher von Männern nur unterdrückt, misshandelt und sexuell ausgebeutet. Und das ständig.[5] Männer, die „Verantwortung übernehmen“, pflichten dem verqueren Weltbild des Radikalfeminismus bei – ob ihnen das klar ist oder nicht.

Der Radikalfeminismus weist Züge einer sexistischen Verschwörungstheorie auf. Seine Ideen und Methoden finden sich mittlerweile im Mainstream wieder: Begriffe wie „toxische Männlichkeit“ oder der permanente Hinweis auf Gewaltverbrechen von Männern an Frauen haben das Ziel und den Effekt, das Bild der Männer nachhaltig zu pathologisieren und abzuwerten. Auch das offenbart das Video des Psychologen Varnan anhand mehrerer Beispiele: Offener Männerhass ist in der TikTok-Sphäre junger Feministinnen weder Tabubruch noch Einzelfall. Als Rechtfertigung für ihre zur Schau gestellte Verachtung zieht eine der Social-Media-geeichten Männerhasserinnen das Argument heran, dass „Männer Frauen umbringen, Frauen aber keine Männer“.

Sozioökonomische Faktoren – wer braucht die, wenn es „toxische Männlichkeit“ gibt?

Alle, die Gewalt als „patriarchales Problem“ einstufen und schlicht der („toxischen“) Männlichkeit zuschreiben, übersehen eines: Gemessen an der Gesamtpopulation verübt nur eine verschwindende Minderheit von Männern Gewalttaten gegen Frauen.[6] Den in Österreich pro Jahr erfassten „Delikten gegen die sexuelle Integrität und Selbstbestimmung“ zufolge sind es maximal 0,12 % (in Worten: 1,2 Promille) der männlichen Gesamtbevölkerung. Bei den „Delikten gegen Leib und Leben“ sind es hochgerechnet maximal 0,5 % (in Worten: 5 Promille) aller strafmündigen Männer. „Toxische Männlichkeit“ ist demnach weit weniger verbreitet, als es das mediale Dauerfeuer vermuten lässt. Wie die psychologische Forschung weiters belegt, sind es vor allem sozial und ökonomisch benachteiligte Milieus, in denen Gewalt einen besonders guten Nährboden vorfindet. Auch das geht im Ruf nach männlicher Verantwortung vollkommen unter.

Aber es zeigt sich in der Kriminalitätsstatistik noch etwas, das dem simplen Bild von Frauen als Hauptopfern männlicher Gewalt und Männern als Allzeittätern zumindest ein Fragezeichen hinzufügen sollte: In über 31.000 der im Jahr 2023 verzeichneten 50.106 „Delikte gegen Leib und Leben“ sind Männer die Opfer, also in 62 % der angezeigten Fälle. In der Kategorie „schwere Körperverletzung“ beträgt ihr Anteil sogar 80 %. (Über das Geschlecht der mutmaßlichen Täter gibt die Statistik leider keine Auskunft.)

Wie Frauen zur Gewaltspirale beitragen

Und wie sieht es in der Kindheit aus, wo psychologisch betrachtet der Grundstein für spätere Gewaltausübung gelegt wird? – Laut einer aktuellen Studie vom November 2025, die das Gallup-Institut im Auftrag des Kinderschutzvereins „Die Möwe“ durchführte[7], haben über ein Viertel (27 %) der Österreicher in ihrer Kindheit körperliche Gewalt erfahren: 24 % der Frauen und 32 % der Männer.

Dazu kommt: In der von Andreas Huber angeführten Prävalenzstudie von 2011 gaben knapp 28 % der österreichischen Frauen und 22 % der Männer an, schon einmal körperliche Gewalt gegen Kinder ausgeübt zu haben.

Mit anderen Worten: Burschen sind in der Kindheit tendenziell öfter von Gewalt betroffen, und Frauen üben tendenziell öfter Gewalt an Kindern aus, und sie tragen auf diese Weise ebenfalls dazu bei, dass sich die Gewaltspirale weiterdreht. – Beide Aspekte bleiben im Kampf gegen „Gewalt gegen Frauen“ unberücksichtigt. Um im Hinblick darauf noch einmal Elisabeth Badinter zu zitieren: „Jeder politische Aktivismus stößt früher oder später auf ein Problem: Er darf die Komplexität der Wirklichkeit nicht unterschätzen.“

Das Feindbild Mann bringt die Gesellschaft nicht weiter

Wenn feministische Akteurinnen und ihre männlichen „Allies“ wiederholt „männliche Gewalt gegen Frauen“ anprangern, instrumentalisieren sie sexualisierte Gewalt, um in der Öffentlichkeit ein zerstörerisches Bild von männlicher Täterschaft und weiblichem Opfertum zu verfestigen. Dies bricht sich in zahllosen Medienberichten und empörten bis hasserfüllten Social-Media-Kommentaren die Bahn, und es schlägt sich mittlerweile auch in Gesetzen und Vorgaben nieder[8], in denen feministisch-identitätspolitische Perspektiven die psychologischen Ursachen für Gewalt in den Hintergrund drängen. Diese Sichtweise, die weder männliche Opfer noch weibliche Täter ausreichend berücksichtigt, schadet einer effizienten, integrativen Gewaltprävention.

Wer für die Bekämpfung von häuslicher und sexualisierter Gewalt „Verantwortung übernehmen“ und gleichzeitig zu echter Solidarität zwischen den Geschlechtern beitragen will, sollte sich von der Forderung nach pauschaler männlicher Verantwortung kritisch distanzieren und stattdessen darauf hören, was die Psychologie zum Thema zu sagen hat. Simple Gruppenzuschreibungen, wie sie der Feminismus derzeit mit vollem medialen Rückenwind propagiert, wirken sich in der Regel destruktiv auf eine Gemeinschaft aus und haben das Potenzial, das soziale Miteinander nachhaltig zu beschädigen


[1] Costa, B. M., Kaestle, C. E., Walker, A., Curtis, A., Day, A., Toumbourou, J. W., & Miller, P. (2015). Longitudinal predictors of domestic violence perpetration and victimization: A systematic review. Aggression and violent behavior24, 261-272.

[2] Varnan, Psychologe: Die wahre Ursache für Gewalt gegen Frauen. https://www.youtube.com/watch?v=1aABGAC_Pf8

[3] https://www.gewaltinfo.at/themen/geschlechtsspezifische-burschen-und-maennerarbeit/maenner-als-opfer-haeuslicher-gewalt.html  – Hinweis: Die Masterarbeit „Männer als Opfer häuslicher Gewalt“ von Andreas Huber kann frei heruntergeladen werden: https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/4901680

[4] Elisabeth Badinter (2004): Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer. S. 85.

[5] Vgl. Pascal Bruckner (2021): Ein nahezu perfekter Täter. Die Konstruktion des weißen Sündenbocks. S. 110 ff.

[6] Wer die Zahlen nachrechnen will, kann sich unter folgendem Link die österreichische Kriminalitätsstatistik 2023 herunterladen, die weiblichen Opferzahlen in den jeweiligen Rubriken zusammenrechnen und in Relation zur geschätzten Zahl von rd. 3,8 Mio. der über 14-Jährigen (= strafmündigen) männlichen Bevölkerung setzen.  https://www.coordination-vaw.gv.at/dam/jcr:e5b63ce2-29a7-4c8e-ae60-2c2afcfa2ad4/2023_daten_polizei.pdf&ved=2ahUKEwjRzMauwZ-TAxUx2gIHHVhNLfQQFnoECBkQAQ&usg=AOvVaw0-i4bPKHMKkOUMhpmXhx8B

[7] „Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung für Gewalt an Kindern und Jugendlichen“. November 2025 https://die-moewe.at/wp-content/uploads/2025/11/moewe-studienergebnisse-gewalt-an-kindern-2025-11.pdf

[8] Mittlerweile hat auch die EU das feministische Glaubensbekenntnis übernommen. In Z 10 der Präambel der „Richtlinie zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“ heißt es: „Gewalt gegen Frauen ist ein fortwährender Ausdruck der strukturellen Diskriminierung von Frauen, die aus historisch gewachsenen ungleichen Machtverhältnissen zwischen Frauen und Männern hervorgeht. Sie ist eine Form der geschlechtsspezifischen Gewalt, die in erster Linie von Männern an Frauen und Mädchen verübt wird.“ – Damit wird identitätspolitisches Gruppendenken in europäisches Recht überführt.