Die Sprache der AfD im Spiegel der Wokeness
Die deutsche Philologin und Politologin Heidrun Deborah Kämper hat sich in ihrem Buch mit der „Sprache der Rechten“ beschäftigt – konkret mit Rhetorik und Kommunikationsweisen von AfD-Vertretern in Deutschland. Die Analyse kann erschüttern, und dennoch enttäuschen Frau Kämpers Schlussfolgerungen.
Wes Geistes Kind die AfD ist, zeigt sich an ihrem völkisch-nationalen Parteiprogramm. Und wie sehr sie den demokratischen Diskurs in Wahrheit geringschätzt, geht aus dem oft rabaukenhaften Benehmen ihrer Abgeordneten in den Plenarsälen und aus den teils menschenverachtenden Social-Media-Absonderungen ihrer Vertreter hervor.
So wird der ehemalige AfD-Funktionär Thomas Goebel mit folgendem Social-Media-Posting zitiert: „Unsere deutsche Volksgemeinschaft ist krank. Sie leidet an Altparteien, Diarrhö, Gutmenscheritis, links-grün-versifften 68ern, und durch Merkel versiffte, aufgelöste Außenhaut. Unser Deutschland leidet unter einem Befall von Schmarotzern und Parasiten, welche dem deutschen Volk das Fleisch von den Knochen fressen will [sic].“ – Mit Grüßen aus dem extrem rechten Eck.
Wenn vom „Befall der Volksgemeinschaft von Schmarotzern und Parasiten“ gesprochen wird, weckt das Erinnerungen an unselige Zeiten, und man kann sich lebhaft vorstellen, wie begeistert Goebbels von seinem AfD-Beinahe-Namensvetter und auch von den AfD-Kanälen auf Facebook, Twitter und Co insgesamt gewesen wäre.
Die stärksten Kapitel des Buches „Die Sprache der Rechten“ sind daher jene, die sich genau diesen Themen widmen: dem AfD-Parteiprogramm, den Analysen der Sitzungsprotokolle aus dem Landtag von Baden-Württemberg und den Social-Media-Absonderungen, bei denen es mir als Leser den Magen umdreht. Mehr braucht man eigentlich nicht, um zu erkennen, dass sich die AfD auf einem schmalen Pfad zwischen demokratischer Oppositionsarbeit, demokratiefeindlicher Sabotage parlamentarischer Gepflogenheiten und völkischem Morast bewegt.
Framing? – Machen alle
Frau Kämper verortet die demokratiefeindlichen Tendenzen der AfD generell in ihrem Umgang mit der Sprache. Doch wenn sie sich mit den rhetorischen Kniffen der „Sprache der Rechten“ befasst – wie Zuspitzung, einseitige Betrachtungsweisen samt Polarisierung und Verschwörungstheorien –, dann übersieht sie, dass solche Methoden im linken Parteienspektrum ebenso zu Hause sind und zur allgemeinen politischen Kommunikation gehören, seit es Demokratie gibt. Unter anderem zitiert Frau Kämper folgende AfD-Pressemeldung als Beispiel rechter Sprache:
„Am Samstag wurden erneut 450 Versorgungssuchende im Mittelmeer „gerettet“, zwei Militärboote hatten die angeblichen „Flüchtlinge“ aus einem zweistöckigen Holzschiff übernommen.“
Kämper kritisiert die Begriffe „Versorgungssuchende“, die „angeblichen ‚Flüchtlinge‘“ und das zweistöckige Holzschiff, wenn doch ein Schlauchboot gemeint ist. – Warum Frau Kämper es von vornherein ausschließt, dass im konkreten Fall ein hölzernes Ausflugsboot von Schleppern verwendet wurde, erklärt sie nicht. Sie macht sich auch gar nicht die Mühe, die Fakten nachzurecherchieren, sondern unterstellt eine Falschdarstellung in der AfD-Pressemeldung. Das erscheint dann doch recht seltsam – zumal von einer Autorin, die „Korrektheit“ einfordert.
Auch die beiden inkriminierten Begriffe „Versorgungssuchende“ und „angebliche ‚Flüchtlinge‘“ sind von einer völlig anderen Qualität als „Schmarotzer und Parasiten“. Mit den „Versorgungssuchenden“ und den „angeblichen ‚Flüchtlingen‘“ wird ein gedankliches Framing erzeugt, das in Zweifel zieht, ob es sich bei den Geretteten um Flüchtlinge im Sinne der UN-Konvention handelt. Da ist nichts per se Menschenverachtendes daran. Viele Menschen verlassen aus wirtschaftlicher Not ihre Heimat und versuchen, nach Europa zu kommen, weil sie meinen, hier bessere Bedingungen vorzufinden oder sagenhafte Geschichten von der sozialen Versorgung gehört haben, von der sie in ihren Heimatländern nur träumen können. Die Frage, ob es sich ein Staat leisten kann, diese Menschen in hoher Zahl bei sich aufzunehmen, und was das mit der Gesellschaft macht, ist nicht nur legitim, sondern notwendig und im Idealfall Gegenstand einer offenen politischen Diskussion auf rationaler und humanistischer Basis.
Schneise der Verwüstung
An Letztere aber glaubt die Autorin bei der AfD nicht. Wenn man sich die von Frau Kämper zitierten Passagen aus den Sitzungsprotokollen des Parlaments in Baden-Württemberg anschaut, müssen tatsächlich ernste Zweifel an den demokratischen Absichten der AfD-Abgeordneten aufkommen. Immer wieder versuchen sie, die parlamentarische Debatte auszuhebeln und ins Lächerliche zu ziehen. Und das kann, wie man aus der deutschen Geschichte weiß, für die Demokratie brandgefährlich werden.
Aus dem eben zitierten Satz der AfD-Pressemeldung jedoch lassen sich weder demokratische Defizite noch Menschenverachtung ableiten. Und auch die Schlussfolgerung der Autorin, wie umso wichtiger eine ethisch motivierte Sprache im Sinne der politischen Korrektheit heute wäre, ist schwer nachzuvollziehen.
Kämper widmet dem Thema ein eigenes Kapitel unter der Überschrift: „Political Correctness – Wozu ist sprachliche Ethik gut?“ Darin betrachtet sie das Gedankengebäude der politischen Korrektheit und übersieht völlig, dass in den letzten 15 Jahren ein dauerempörter Social-Media-Mob im Namen von Antirassismus, Postkolonialismus und LGBTQ-Rechten eine Schneise der Verwüstung durch den akademischen und medialen Diskurs gezogen hat, die fast so breit ist wie der Flurschaden der AfD-Rhetorik.
Ob es darum ging, den politischen Islam zur Diskussion zu stellen oder das biologische Konzept der Zweigeschlechtlichkeit zu erläutern, um nur zwei Beispiele zu nennen: Immer wieder war im Namen der politischen Korrektheit eine aufgebrachte Meute zur Stelle, die eine aufgeklärte Auseinandersetzung zu verhindern trachtete und auch vor Rufmord nicht zurückschreckte, um nicht genehme Meinungen und zum Teil schlicht das Aussprechen von Fakten zu unterdrücken. Die PC-Bewegung präsentierte sich in den letzten 15 Jahren als Sammelbecken von narzisstisch gestörten Hysteriker*innen, die sich zu einem selbstgerechten Cybermop verbündeten. Jeder nicht völlig verblendete Zeitgenosse kann sich über das Maß an Zynismus, Hass und Selbstgerechtigkeit nur wundern, der auf Leute abgelassen wurde und wird, die andere als die „korrekte“ Meinungen vertraten. Wo sind PC-Befürworter wie Frau Kämper, wenn es inmitten wogender Shitstorms darum gehen würde, mahnend und mäßigend aufzutreten und „respektvolle Sprache“ einzufordern?
Wirklichkeit ist sprachlich geschaffen. – Wirklich?
Als wäre in den vergangenen Jahren nichts dergleichen passiert, zeichnet Kämper im Kapitel über „Political Correctness“ ein idealisiertes Bild vom rein ethisch motivierten Sprachhandeln, das allein die Rettung der Menschenwürde im Sinn hat. Dabei scheut die Autorin nicht vor unhaltbaren Prämissen zurück – wie jener, die Wirklichkeit sei gesellschaftlich und sprachlich konstruiert. Im O-Ton:
„Political Correctness ist viel eher Ausdruck für ein Bewusstsein, wie Diskriminierung sprachlich erfolgen und wie dies verhindert werden kann, geht es doch eigentlich um respektvollen diskriminierungsfreien Sprachgebrauch. Grundlegend ist dabei die Erkenntnis, dass Wirklichkeit immer gesellschaftlich ist und mit Sprache geschaffen wird. Wirklich wird überhaupt erst das, worauf wir sprachlich Bezug nehmen.“
Der radikale sprachliche Konstruktivismus, auf dem Heidrun Kämper das Gedankengebäude der politischen Korrektheit errichtet, ist in der Philosophie gelinde gesagt höchst umstritten. Ich würde sogar salopp behaupten, er ist völliger Unsinn. Denn die Wirklichkeit existiert unabhängig davon, ob und wie wir sprachlich auf sie Bezug nehmen. Eine Krankheit existiert, bevor sie benannt wird. Ein Kind fällt aus dem Fenster, noch bevor es von der Schwerkraft gehört hat. Der Klimawandel vollzieht sich, auch wenn manche ihn leugnen.
Fehlschlüsse im Elfenbeinturm
Aus falschen Annahmen kann man in der Regel keine richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Daher jagt im Kapitel über „Political Correctness“ ein Fehlschluss den anderen. Kämper behauptet beispielsweise, politische Korrektheit sei eine Konvention, die „von großen Teilen der Bevölkerung anerkannt“ werde. Wenn man die politisch korrekte Gendersprache hernimmt, die von 80 % der Bevölkerung als sinnlos erachtet wird, muss man sich wundern, in welchem Elfenbeinturm die Autorin daheim ist. Und so schwurbelt sie sich in ein Konzept der politischen Korrektheit als humanistische Kerntugend hinein, wo jeder, der die Auswüchse kritisiert oder ablehnt, als Antihumanist dargestellt wird. Aber diese Tabuisierungsstrategie verfängt nicht mehr.
Politische Korrektheit hatte ihre Chance und hat sie gründlich versemmelt. Statt Diskriminierung abzubauen, hat sie den Diskurs verengt. Statt gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, hat sie die Spaltung vertieft. Statt die extreme Rechte zu schwächen, hat sie ihr eine Steilvorlage geliefert. Die Fixierung auf die „Macht der Sprache“ erweckt den Eindruck, als seien gesellschaftliche Probleme primär durch sprachliche Eingriffe und Regularien zu lösen, während materielle Probleme – soziale Ungleichheit, Wohnungsnot, ungleiche Bildungschancen – durch die Fixierung auf Tabuwörter und verquere Genderfragen in den Hintergrund gedrängt wurden. Auf diese Weise verloren PC-nahe politische Parteien die Deutungshoheit über soziale Gerechtigkeit. Die Rechte hat diese Lücke geschickt ausgenutzt, indem sie sich als Anwalt der „kleinen Leute“ inszeniert, die noch „normal reden“.
Political Correctness ist Teil des Problems, nicht der Lösung
Und so hat sich in den letzten 15 Jahren gezeigt: Political Correctness ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Es wäre für das Buch zweifellos besser gewesen, Heidrun Kämper hätte sich das Kapitel über PC verzwickt. Übriggeblieben wäre eine Analyse politischer Sprache, die noch immer reichlich voreingenommen ist und die notwendige Trennung von legitimer Rhetorik und niederträchtiger Hetze nicht vollzieht. Auch bleibt die Frage offen: Warum muss man die braunen Rülpser der AfD als „Sprache der Rechten“ framen? Deren Nazi-Anklänge haben mit einem konservativen Diskurs nicht das Mindeste gemein. Der Inhalt des Buches zielt auf die rechtsextremen Entgleisungen der AfD ab, der Titel aber suggeriert, diese wären für das konservative Lager generell typisch. Ziemlich ungerecht und nicht wirklich treffsicher, wenn man’s recht getrachtet. Aber bezeichnend für die Mentalität, die aus dem Büchlein spricht.
Für die Philosophin Susan Neimann verläuft die Grenze zwischen einem klassisch linken Denken und dem woken Weltbild der Neuen Linken entlang der Fähigkeit zum Selbstzweifel. Auch in diesem Sinn gehört Frau Kämper zweifellos der woken Fraktion an. Denn ihr Buch spiegelt mindestens gleich stark das Denken der politisch korrekten Pseudolinken wie die Sprache der extremeren Rechten.
Der Reclam-Verlag, der Kämpers Buch veröffentlicht hat, könnte der Autorin seinen Band „Laut und Luise“ mit Texten von Ernst Jandl schenken. Darin findet sich auf S. 135 unter dem Titel „lichtung“ folgender Fünfzeiler:
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht
velwechsern.
werch ein illtum!
Heidrun Deborah Kämper: Die Sprache der Rechten. Wie sie reden und was sie sagen. Reclam 2024