Wenn Gutmeinende blind werden
In seinem Buch „Moralspektakel“ schreibt Philosoph Philipp Hübl über kognitive Verzerrungen, Statusspiele und die Schwäche der Fürsorgekultur.
Moralisch handeln wollen alle. Aber was, wenn der Wunsch, gut zu sein, das klare Denken vernebelt? Der Philosoph Philipp Hübl zeigt in „Moralspektakel“, wie aus dem Streben nach Gerechtigkeit ein Schauspiel wird – und warum das der Sache selbst schadet. Auf über 300 Seiten legt er dar, wie moralisches Handeln und moralische Wahrnehmung kulturell codiert sind. Je nach Gesellschaft dominiert ein anderer Leitwert: Dominanz, Autonomie oder Fürsorge. In den westlichen Nachkriegsgesellschaften hat die Autonomiekultur – mit ihren Werten Freiheit, Individualismus, Universalismus – das Denken geprägt. Doch sie wird gerade abgelöst.
Die Fürsorgekultur und ihr blinder Fleck
Was folgt, nennt Hübl Fürsorgekultur: eine Moral, die sich primär an Opfergruppen orientiert, intersektional denkt und politische Korrektheit als Erkennungszeichen trägt. Das klingt zunächst sympathisch. Wer würde nicht für mehr Fürsorge und Rechte von Benachteiligten eintreten wollen? Das Problem ist jedoch: Die Fürsorgekultur verabschiedet sich vom Universalismus und gleitet ins Stammesdenken zurück – womit sie strukturell wieder dort landet, wo auch die Dominanzkultur zu Hause ist. Diese Beobachtung teilt Hübl mit Denkern wie Omri Boehm, Susan Neiman und Yascha Mounk. Sie warnen ebenfalls davor, dass die sowohl rechts wie links um sich greifende Orientierung an Gruppen und Gruppenidentitäten das Denken verengt statt weitet. Rechts sorgt man sich um Nationalität, Tradition und völkische Identität, links um Benachteiligungen in Rastern von Rasse, Geschlecht und Orientierung. Nach diesem Raster hat die lesbische Tochter eines afrikanischen Ministers auf jeden Fall mehr Benachteiligung m Leben zu erleiden als jeder x-beliebige männliche Obdachlose in Mitteleuropa.
Das Paradox des Gutseins
Hübl zeigt, wie das verengte Denken der Linken in den Universitätsbetrieb eingesickert ist und über die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sogar in der Naturwissenschaft Einzug hält. Hübl bezieht sich dabei auf das Magazin „Nature“, das sich entschlossen hat, keine Aufsätze mehr zu veröffentlichen, die das „Potenzial haben“ für unbeabsichtigte Zwecke missbraucht zu werden. Ein Kniefall vor der Selbstzensur im Namen der politischen Korrektheit. „Statt die Prinzipien der Wissenschaft hochzuhalten, führend die Herausgeber von Nature lieber ein Moralspektakel auf“, schreibt er und spricht von einem „Fehlschluss, denn Tatsachen bestehen auch dann, wenn man sie nicht mehr erforscht, bloß weil man sie nicht mehr wahrhaben will.“
Darin offenbart sich gleichzeitig das Paradox des Gutseins: Wer Gutes tun will, neigt dazu, Erkenntnisse, die sein Bild stören, auszublenden. Hübl benennt die psychologischen Mechanismen, die uns dazu bringen, irrationale Annahmen mit erstaunlicher Vehemenz zu verteidigen. Ein besonders aufschlussreiches Beispiel: die Überzeugung, mit Sprache – im Sinne der Grammatik – ließen sich gesellschaftliche Verhältnisse verändern. Hübl zeigt, dass solche Annahmen weit weniger mit gesichertem Wissen zu tun haben, als ihre Vertreter glauben machen wollen. Es geht vor allem um Status: Wer gendert, signalisiert seiner Gruppe die richtige Gesinnung – und erntet Zugehörigkeit und Ansehen.
Hübl bringt aber auch Beispiele aus der Wirtschaftswelt, wo moralisches Flagge-Zeigen echten Verbesserungen im Weg steht, konkret: Inklusionstrainings in Unternehmen. Sie gelten als Beweis für Diversitätsengagement, werden aber von seriösen Studien als weitgehend wirkungslos eingestuft. Was nachhaltig wirkt – Mentoringprogramme –, ist aufwändiger, langwieriger und lässt sich schlechter als PR-Maßnahme vermarkten. Das Spektakel siegt über die Substanz.
Status statt Wandel
Hübl zeigt damit ein Phänoment auf, das man in den letzten Jahren zur Genüge in den (sozialen) Medien beobachten konnte, das aber selten so klar benannt wurde: dass moralische Signale oft nicht der Welt gelten, sondern der eigenen Gruppe. Ein Like, ein geteilter Post, das Gendern in der Kommunikation – das kostet nichts, signalisiert Zugehörigkeit und bringt Status. Solidarität in den sozialen Medien signalisieren kostet nichts – und die breite Zustimmung der Gleichgesinnten ist gewiss. Dass dabei echte Veränderungen auf der Strecke bleiben, ist ein Kollateralschaden, den man gerne übersieht.
Ein Plädoyer für offenes Denken
„Moralspektakel“ ist sachlich geschrieben, mit Hunderten von Verweisen auf Studien und empirische Befunde unterfüttert. Nicht umsonst wurde Hübls großer Essay mit dem „Tractatus“-Preis für philosophische Essayistik 2024 ausgezeichnet. Das Buch ist ein Plädoyer für offenes, selbstkritisches Denken und auch für die Frage, ob das, was man für gesellschaftlichen Fortschritt hält, nicht vielleicht nur auf den eigenen Statusgewinn schielt, den man mit dem Mantel der guten Absicht drapiert hat.
Was sich aus Hübls Buch auch ableitet, ist die Erkenntnis: Die Fortschritte in unserer Welt, die gesellschaftlichen und kulturellen Fortschritte, die Offenheit und die relative Durchlässigkeit des Systems, die noch vor 300 Jahren undenkbar waren, wenn man in die falsche Kaste, in den falschen Stand geboren worden war – diese gesellschaftlichen Fortschritte wurden von der Wissenschaft bzw. der Aufklärung mitgetragen, also von Menschen, die sich für die Freiheit des Denkens eingesetzt haben. Genau diese Freiheit hat die Voraussetzung, dass man Phänomene auch kritisch hinterfragen kann, soll und muss. Hier gibt es eine Reibefläche mit der Fürsorgekultur und ihrer politischen Korrektheit, denn sie beurteilt Kritik oftmals danach, wer sie äußert, und verhindert damit eine inhaltliche Auseinandersetzung. Wenn ein kritischer Einwand von einem Mann stammt, noch dazu weißer Europäer und nicht mehr ganz jung, wird die Wortmeldung gerne unter den Verdacht gestellt, dass sich hier ein alter, weiße Mann seine Privilegien sichern wolle.
Abgesehen davon, dass man eine solche Argumentation auf sachlicher Ebene nicht ernst nehmen kann, übersehen jene, die so denken, einen wichtigen Punkt: Die geistigen Errungenschaften des vorwiegend von alten, weißen Männern ersonnenen Humanismus sind nicht die Verursacher heutiger Probleme, als die sie im woken Milieu manchmal dargestellt werden. Wer die Vernunft als „männliches“, „patriarchales“ oder „Weißes“, auf jeden Fall unterdrückerisches Prinzip verwirft, sägt an dem Ast, auf dem auch die Freiheit sitzt – einschließlich der eigenen.
Philipp Hübl: Moralspektakel. Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht. Siedler Verlag: München 2024
Foto von Margaux Bellott auf Unsplash