Gewaltursachen erkennen
Die Verdammung „männlicher Gewalt gegen Frauen“ blendet psychologische und neurobiologische Erkenntnisse über die Ursachen von Gewalt weitgehend aus und verfestigt ein Geschlechterbild, das mit der Wirklichkeit wenig gemein hat.
Ich bin einer jener Menschen, die es bedenklich finden, dass Männer – wie unter anderem vom Bundespräsidenten anlässlich des Weltfrauentags gefordert – „Verantwortung übernehmen“ sollen für Gewalttaten, die nicht sie, sondern andere begangen haben, mit denen sie nichts teilen als das Geschlecht. Männer werden dadurch in Sippenhaft genommen, worin man lupenreinen Sexismus erblicken könnte. Aber es gibt noch zwei weitere Aspekte, weshalb ich die Forderung kritisch sehe: Der feministische Kampf gegen häusliche und sexualisierte Gewalt geht psychologisch betrachtet nicht an die Wurzel des Problems. Und die Betonung „männlicher Gewalt“ als Kernübel befördert ein Weltbild, das sich potenziell nachteilig auf das Miteinander der Geschlechter auswirkt.
Fehlende psychologische Einsicht
Ein Schweizer Psychotherapeut und Trauma-Experte hat Ende 2025 auf der Social-Media-Plattform „LinkedIn“ unter dem Titel „Hurt people hurt people“ (Verletzte Menschen verletzen Menschen) Einsichten aus seiner therapeutischen Praxis formuliert, die ich erhellend finde:
- Gewalt entsteht aus unverarbeitetem Leid – unabhängig vom Geschlecht.
- Wenn Gewalt primär als männliche Tat gegen weibliche Opfer dargestellt wird, internalisieren Männer, dass sie „keine Opfer sein dürfen“, während Frauen seltener als Täter gelten. Diese Verzerrung behindert Prävention auf beiden Seiten.
- Männliche Opfer tauchen in Statistiken kaum auf – nicht, weil es sie nicht gibt, sondern weil Scham, Rollenbilder und fehlende Angebote die Meldung verhindern.
Sein Fazit: Nur ein integrativer Ansatz, der alle Betroffenen einschließt und keine Hierarchie des Leids kennt, durchbricht Gewaltketten nachhaltig.
Mir hat das Posting des Therapeuten bewusst gemacht, was mich an der Kampagne „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ von Anfang an irritiert hat: Der feministischen Sicht fehlt die psychologische Einsicht. Psychologische und biologische Erkenntnisse werden in der laufenden Debatte überwiegend ausgeblendet. Stattdessen wird die Thematik rein auf Ebene der Geschlechter bewertet: Frauen sind überwiegend die Opfer, Männer überwiegend die Täter häuslicher und sexueller Gewalt. Was liegt also näher, als „Patriarchat“ und „Männlichkeit“ für diese Gewalt verantwortlich zu machen?
Das Geschlecht ist kein auslösender Faktor
Wenn man allerdings die Gewaltforschung befragt, zeigt sich: Das Geschlecht ist kein auslösender Faktor für häusliche Gewalt. Zu den elementaren Ursachen zählen traumatische Gewalterlebnisse und dysfunktionale Familienstrukturen in der Kindheit – in Verbindung mit schlechter Impulskontrolle sowie Alkohol- und Drogeneinfluss. Über diese Faktoren herrscht weitgehend Konsens in der Psychologie, wie unter anderem eine Auswertung von 25 Langzeitstudien belegt, die 2015 im US-Fachjournal Aggression and Violent Behaviour erschienen ist.[1]
Der deutsche Psychologe Varnan Chandreswaran macht in einem Youtube-Video[2] vom März 2026 auf diese und weitere Studien aufmerksam und weist auf einen grundlegenden Denkfehler in der Debatte hin: Wer Gewalt gegen Frauen ursächlich mit Männlichkeit verbindet, verwechselt Korrelation mit Kausalität. Dazu ein Vergleich: In Österreich lösen rund 180.000 Personen jährlich einen Angelschein, 94 % davon sind Männer. Die Korrelation ist eindeutig. Aber: Nur ca. 5 % aller Männer üben dieses Hobby aus, und keiner angelt, „weil er ein Mann ist“ – die Hauptmotive sind vielmehr Stressabbau, Naturverbundenheit und die Freude am Fang.
Ähnlich ist es beim Thema männliche Gewalt. Bei schweren Gewalttaten in oder außerhalb von Beziehungen sind die Täter überwiegend Männer. Doch insgesamt werden nur die wenigsten Männer gewalttätig. Die Täter werden nicht zu Tätern, „weil sie Männer sind“, sondern aus den genannten Gründen: traumatische Erfahrungen, unzulängliche Emotionsregulation, dysfunktionale Herkunftsfamilien, Suchtmitteleinfluss, ungesunde Beziehungsmuster … Biologisch lassen sich bei chronischen Gewaltverbrechern häufig neurophysiologische Defizite im präfrontalen Cortex und ein verminderter Serotonin-Spiegel nachweisen.[3] Ihre antisozialen Muster zeichnen sich bereits in der Kindheit ab und korrelieren dort mit Störungen wie mangelnde Impulskontrolle, Hyperaktivität und Leseschwäche.
Wer all diese gut erforschten Faktoren ausblendet und pauschal gegen „männliche Gewalt“ zu Felde zieht, verkennt wesentliche Bedingungen häuslicher und sexueller Gewalt und kann nicht zur Problembewältigung beitragen. Ebenso wird dadurch das gewalttätige Potenzial von Frauen übersehen sowie das Ausmaß, in dem Männer ihrerseits von häuslicher Gewalt durch Frauen betroffen sind.
„Not all men, but always men?“ – Falsch!
Eine österreichische Querschnittstudie aus dem Jahr 2011 ergab, dass Männer viel öfter körperlicher Gewalt in Partnerschaften ausgesetzt sind, als angenommen: Demnach sind in ca. zwei von fünf Fällen häuslicher Gewalt Männer die Opfer.[4] Der deutsche Opferschutzverband Weißer Ring verzeichnete allein 2023 rund 34.000 Fälle körperlicher Partnerschaftsgewalt gegen Männer und zeigt in einer Studie auf, dass 29 % der deutschen Männer schon einmal körperliche Gewalt in der Partnerschaft erfahren haben.[5]
Die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter hat bereits 2004 darauf hingewiesen, dass Gewalt von Frauen „lange Zeit schlicht ignoriert oder unterschätzt worden“ ist.[6] Wer die Gewalt und die Macht der Frauen systematisch leugnet und diese stets zu Unterdrückten erklärt, zeichnet – so Badinter – das Bild einer in zwei Teile gespaltenen Menschheit, „das der Wahrheit wenig ähnelt“. Doch genau dieses Bild wird von der Kampagne „Stoppt Gewalt gegen Frauen“ verfestigt. Und da die Männer überwiegend die Täter sind („Not all men, but always men!“, wie es heißt), sollen auch jene, die keine Gewalttaten begehen, „Verantwortung übernehmen“.
Männer sollen „Verantwortung übernehmen“
Auf den ersten Blick fordert dieser Ruf Solidarität zwischen den Geschlechtern ein, und viele Männer kommen ihm aus voller Überzeugung nach. Man zahlt damit ohne großen Aufwand auf die Selbstwahrnehmung als anständiger Kerl ein. Aus kulturkritischer Perspektive offenbart sich dahinter jedoch eine zweite Ebene: Hinter der Forderung scheint das Weltbild des US-Radikalfeminismus der 1970er und 80er Jahre durch, das Frauen als stets Unterdrückte und Männer als permanente Bedrohung definiert.[7] Unbescholtene Männer, die „Verantwortung übernehmen“ für Verbrechen, die psychisch gestörte Täter begangen haben, pflichten dieser feministischen Kollektivschulzuweisung bei – ob ihnen das klar ist oder nicht. Der Glaube an die männliche Kollektivschuld (Stichworte „Patriarchat“, „toxische Männlichkeit“) ist Mainstream geworden und bringt etliche Frauen dazu, verbal aus dem Rahmen zu fallen.
Dass offener Männerhass in der TikTok-Sphäre junger Feministinnen mittlerweile weder Tabubruch noch Einzelfall ist, belegt der Psychologe Varnan in seinem Video mit zahlreichen Beispielen. Auch die Aktivistin Luisa Neubauer wurde im März 2026 bei einer Anti-Gewalt-gegen-Frauen-Demo in Berlin für den Satz bejubelt: „Ich glaube, sehr viele Männer da draußen haben noch längst nicht begriffen, was für ein unglaubliches Glück sie haben, dass wir einfach nur Gleichberechtigung wollen – und keine Vergeltung.“ Eine andere Influencerin forderte überhaupt die öffentliche Kastration von männlichen Sexualstraftätern. – Die feministische Agenda verbreitet auf diese Weise zunehmend Pogromstimmung. Zwar werden von Aktivistinnen bereits sexistische Witze als Vorstufe zu sexueller Gewalt angeprangert, aber dass ihnen selbst die Sprache in Richtung Gewaltlegitimation entgleist, nehmen sie in ihrem Furor nicht wahr.
Sozioökonomische Faktoren – wer braucht die, wenn es „toxische Männlichkeit“ gibt?
Gemessen an der Gesamtbevölkerung verübt übrigens eine verschwindende Minderheit von Männern Gewalttaten gegen Frauen. Wenn man die österreichische Kriminalstatistik 2023 hernimmt und die Zahl der weiblichen Opfer mit der Zahl aller strafmündigen männlichen Einwohner in Beziehung setzt, dann sind es rund 0,12 % (in Worten: 1,2 Promille) in der Kategorie „Delikte gegen die sexuelle Integrität“ (inkl. sexuelle Belästigung) und maximal 0,5 % (fünf Promille) bei „Delikten gegen Leib und Leben“.[8] Gegen Frauen gerichtete „toxische Männlichkeit“ ist demnach weit weniger verbreitet, als das mediale Dauerfeuer vermuten lässt. Die psychologische Forschung zeigt weiters: Gewalt findet vor allem in sozial und ökonomisch benachteiligten Milieus einen Nährboden. Auch das geht im Ruf nach „männlicher Verantwortung“ vollkommen unter. Es ist viel leichter, einer Gruppe pauschal die Schuld in die Schuhe zu schieben, als ein Problem differenziert zu betrachten.
Wie Frauen zur Gewaltspirale beitragen
Interessant ist auch der Blick in die Kindheit, wo der Grundstein für spätere Gewaltausübung gelegt wird. Laut einer Studie[9] vom November 2025 haben 27 % aller Österreicher als Kind körperliche Gewalt erfahren: 24 % der Frauen und 32 % der Männer. Dazu kommt: In der Prävalenzstudie von 2011 gaben knapp 28 % der österreichischen Frauen und 22 % der Männer an, schon einmal körperliche Gewalt gegen ihre Kinder ausgeübt zu haben.
Mit anderen Worten: Burschen sind in der Kindheit deutlich öfter von Gewalt betroffen, und Frauen üben tendenziell öfter Gewalt gegen Kinder aus und tragen auf diese Weise ebenfalls dazu bei, dass sich die Gewaltspirale weiterdreht. – Auch diese Aspekte bleiben im Kampf gegen „Gewalt gegen Frauen“ unberücksichtigt.
Das Feindbild Mann bringt die Gesellschaft nicht weiter
Wenn feministische Akteurinnen und ihre männlichen „Allies“ (Verbündete) wiederholt „männliche Gewalt gegen Frauen“ anprangern, instrumentalisieren sie sexualisierte Gewalt, um ein polarisierendes Bild von männlicher Täterschaft und weiblichem Opfertum zu verfestigen. Jedoch wird eine gesellschaftliche Gewaltprävention ihr Ziel verfehlen, die rein auf stereotype „Rollenbilder“ abzielt und die psychologischen und neurobiologischen Ursachen des Übels nicht angemessen berücksichtigt. Um noch einmal Elisabeth Badinter zu zitieren: „Jeder politische Aktivismus stößt früher oder später auf ein Problem: Er darf die Komplexität der Wirklichkeit nicht unterschätzen.“
Wer tatsächlich „Verantwortung übernehmen“ will, sollte sich von pauschalen Schuldzuweisungen kritisch distanzieren und muss stattdessen den Ausbau wirksamer Gewalt-Präventionsprogramme fordern – solcher, die auf Basis belastbarer Erkenntnisse an den tatsächlichen Ursachen ansetzen, nicht an der Empörung medial angestachelter Aktivistinnen. Simple Gruppenzuschreibungen sind Gift für das gesellschaftliche Miteinander. Diesen Weg weiterzugehen, kann sich kein verantwortungsbewusster Mensch und keine aufgeklärte Gesellschaft wünschen.
[1] Costa, B. M., Kaestle, C. E., Walker, A., Curtis, A., Day, A., Toumbourou, J. W., & Miller, P. (2015). Longitudinal predictors of domestic violence perpetration and victimization: A systematic review. Aggression and violent behavior, 24, 261-272.
[2] Varnan, Psychologe: Die wahre Ursache für Gewalt gegen Frauen. https://www.youtube.com/watch?v=1aABGAC_Pf8
[3] Vgl. Monika Lück, Daniel Strüber und Gerhard Roth (Hrsg.): Psychobiologische Grundlagen aggressiven und gewalttätigen Verhaltens. BIS-Verlag: Oldenburg 2005, S. 121 ff.
Der deutsche Gehirnforscher Gerhard Roth hat zu den neurobiologischen Faktoren zahlreiche Arbeiten vorgelegt.
[4] Vgl. den Beitrag des Sozialpädagogen Andreas Huber „Männer als Opfer häuslicher Gewalt“ auf gewaltinfo.at. Hinweis: Die Masterarbeit von Huber kann frei heruntergeladen werden: https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/4901680
[5] https://weisser-ring.de/gewalt_gegen_maenner
[6] Elisabeth Badinter (2004): Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer, Kapitel 2: Auslassungen.
[7] Vgl. Pascal Bruckner (2021): Ein nahezu perfekter Täter. Die Konstruktion des weißen Sündenbocks. Kapitel 9: Patriarchale Allmacht?
[8] Wer die Zahlen nachrechnen will, kann sich unter folgendem Link die österreichische Kriminalitätsstatistik 2023 herunterladen, die weiblichen Opferzahlen in den jeweiligen Rubriken zusammenrechnen und in Relation zur geschätzten Zahl von rd. 3,8 Mio. der über 14-Jährigen (= strafmündigen) männlichen Bevölkerung setzen. https://www.coordination-vaw.gv.at/dam/jcr:e5b63ce2-29a7-4c8e-ae60-2c2afcfa2ad4/2023_daten_polizei.pdf&ved=2ahUKEwjRzMauwZ-TAxUx2gIHHVhNLfQQFnoECBkQAQ&usg=AOvVaw0-i4bPKHMKkOUMhpmXhx8B
[9] „Bewusstsein der österreichischen Bevölkerung für Gewalt an Kindern und Jugendlichen“. November 2025
Bild: nach einem Motiv von Bartholomeus Molenaer (1618 – 1650)