„Land unter“ im Kulturland Steiermark
Nach eineinhalb Jahren FPÖ-Regierung steht der steirischen Kunst- und Kulturszene das Wasser bis zum Hals. Künstlerstipendien in der Höhe von 25.000 Euro wurden ausgesetzt, erste Veranstalter ziehen sich aus der Steiermark zurück.
Während VP-geführte Länder wie Niederösterreich und Oberösterreich Kunst und Kultur als Entwicklungsmotor begreifen und entsprechend fördern, zeigt die FPÖ in der Steiermark, was sie von der hiesigen, regional gut verankerten Kunstszene hält. Nämlich nichts. Schon vor Jahren hat man in Graz dem renitenten „Forum Stadtpark“ den Kampf angesagt, weil es sich erdreistete, künstlerisch gegen die Blauen zu sticheln. Nun scheint die FP einen Hebel gefunden zu haben, der steirischen Kunstszene auf breiter Front das Leben schwer zu machen – indem man einfach nach und nach den Geldhahn zudreht.
Als eines ihrer Wahlversprechen schafft die FP unter Landeshauptmann Mario Kunasek den sogenannten „Kulturschilling“ mit 2027 ersatzlos ab. Noch entrichtet jeder steirische ORF-Gebührenzahler zusätzlich zu den GIS-Gebühren monatlich 4,70 Euro an Landesabgabe. Davon fließen 75 Prozent in die Kultur, 15 Prozent in die Erhaltung von Museen und 10 Prozent in die Sportförderung. „Zwei Fliegen mit einer Klappe!“, dachte man sich wohl bei der FPÖ: Wenn man die ORF-Gebühren schon nicht gänzlich abschaffen kann, so lässt sich durch Streichung der Landesabgabe wenigstens der Betrag verringern. Und Neo-Kulturlandesrat Karlheinz Kornhäusl (VP) kann schauen, wie er den Verlust von 25 Mio. Euro kompensiert. Zumal schon jetzt das Geld fehlt. 25 Millionen – das ist fast ein Viertel des gesamten steirischen Kulturbudgets, das sich zuletzt auf knapp 80 Mio. Euro belief. Zum Vergleich: Oberösterreich veranschlagte 2026 die Summe von 254 Mio. Euro für die Kultur, in Niederösterreich waren es 290 Mio. Euro.
Die Umfärbelung des Kulturkuratoriums
Dass die FPÖ und die steirische Kulturszene nicht besonders gut zusammenkommen werden, hat sich bereits kurz nach Amtsantritt von Mario Kunasek im Winter 2024/25 abgezeichnet. Zwar blieb das Kulturressort formal bei der ÖVP, die in der Steiermark seit den späten 1960ern die Kunstszene des Landes aktiv unterstützte. Aber als Schuss vor den Bug wurde bald nach der Angelobung der neuen Landesregierung das Kulturkuratorium – ein zwölfköpfiges Expertengremium, das dem Landtag Empfehlungen für die Kunst- und Kulturförderungen des Landes vorlegt – in einer Nacht- und Nebelaktion umgefärbelt. Vertreter der freien Szene wurden abgesetzt und unter anderem durch einen Verlagsmanager mit besonderer Expertise für rechtsextreme Publikationen ersetzt sowie einen schreibenden Arzt, von dem man noch nie etwas gelesen hatte. Auch ein Vertreter der AG Volkstanz sowie der Eintänzer Willi Gabalier, immerhin studierter Kunsthistoriker und Bruder des populären „Volks-Rock’n‘Rollers“, sitzen für die FP im Gremium.
Der Aufschrei der freien Szene, der darauf folgte, schien zu fruchten: Unter dem Hashtag #kulturlandretten wurden im Frühjahr 2025 Protestmärsche und Internetpetitionen organisiert, an denen Tausende Menschen teilnahmen. Die ersten Einschnitte im Kulturbudget wurden von Landesrat Kornhäusl in der Folge auf die großen Player abgewälzt, die bisher den mit Abstand größten Anteil am Förderkuchen für sich beanspruchten: Die „Steiermark Schau“ – eine Art biennale Landesschau, die 2024 letztmalig stattfand – wurde gestrichen; auch die Bühnen Graz mit Schauspiel, Oper und populärem Lichterfestival im Herbst verordneten sich einen harten Sparkurs. Die Kleinen konnten wie bisher an der Grenze zum Prekariat und mit teils noch weniger Geld als vorher weiterwurschteln.
Das Ende des Kulturschillings und ein Budgetloch
Im Winter 25/26 folgte dann der nächste Schritt: Der für 2027 angekündigte Wegfall des „Kulturschillings“ sorgte für Panik in der Kulturabteilung des Landes. Beim Kassensturz wurde offenbar ein nicht näher beziffertes Budgetloch entdeckt, für das man von VP-Parteifreund Willibald Ehrenhöfer, Finanzlandesrat der Steiermark, keinen Ausgleich erhielt. Die Folge: Der umgehende Investitionsstopp selbst für Bagatellbeträge, zu denen etwa 25.000 Euro für fünf Landesstipendien zählen. Mittlerweile ziehen erste Veranstalter die Konsequenzen: So hat das 1987 von Folke Tegetthoff gegründete Festival „Graz erzählt“ heuer nach 39 Jahren aufgrund mangelnder Subventionsaussichten einen Schlussstrich unter das Kapitel Steiermark gesetzt. Man hat ja noch ein Standbein in Niederösterreich.
Das steirische Leitmedium „Kleine Zeitung“ warf sich in mehreren Kommentaren für die Szene und die Sache der Kultur in die Bresche. In Artikeln des leitenden Kulturredakteurs hieß es unter anderem, gekürzte Kulturbudgets seien gesellschaftspolitisch absolut kurzsichtig; die Bedeutung und Wichtigkeit der Kunst für die Gesellschaft zu nennen, würde den Rahmen einer Zeitungsdoppelseite sprengen. Leider blieb es bei der bloßen Behauptung. Für die FP müsste man tatsächlich konkrete Argumente nennen.
Wozu der ganze Blödsinn?
Denn das ist vermutlich der springende Punkt: Für die FP (nicht nur die steirische) und das Kernklientel der Partei hat Kunst, die über Behübschung hinausgeht, keinerlei Stellenwert. Während die steirische VP sich unter anderem auf die Fahnen heften kann, in den späten 1960ern das international renommierte Festival „Steirischer Herbst“ ermöglicht und damit zur geistigen Öffnung des Landes beigetragen zu haben, hat die FPÖ weder verstanden, wozu man geistige Öffnung braucht, noch was der ganze Blödsinn soll, den die Künstler da und überhaupt aufführen. Zumal man nicht nur beim „Herbst“ oder im „Forum Stadtpark“ der FP ständig ans Bein pinkelt und deren politische Überzeugungen für verachtenswert erklärt.
Wie der Historiker Wolfgang Kos in seinem Buch „Eigenheim Österreich“ ausführte, hatte Kunst und Hochkultur in Nachkriegsösterreich von Anfang an auch den Zweck, sich stimmungsmäßig von Nazideutschland abzugrenzen. Das kleine Österreich als große Kulturnation mit Mozart, Peter Alexander und den Salzburger Festspielen – da können keine wirklich bösen Menschen wohnen, so der Eindruck, den man der Welt nach dem Krieg vermitteln wollte. Den Urvätern der FP war vermutlich allein diese Abgrenzung schon suspekt. Um wie viel mehr erst das Getue um die Kultur. Außer es geht um die Volkskultur, die die regionale oder nationale Identität widerspiegelt und verstärkt – bei der ist die FPÖ stets vorn dabei.
Der Graben zwischen Kunst und Volkskultur
Der ÖVP-Mann Christopher Drexler war während seiner Zeit als oberster Kulturpolitiker der Steiermark – zuerst als Landesrat, dann als Kurzzeit-Landeshauptmann – bemüht, den Graben zwischen der Kunst und der Volkskultur zu schließen. Projekte, die regional aus den Gemeinden heraus Kunst verwirklichten und regionale Traditionen berücksichtigten, wurden als Best-Practice-Beispiele mit einem eigens ins Leben gerufenen Volkskulturpreis ausgezeichnet. Solche spartenübergreifenden Arbeiten gab und gibt es in der Steiermark genug. Denn es ist ein Merkmal der steirischen Kunst- und Kulturszene, dass sie sehr viele regional gut verankerte Initiativen hervorgebracht hat, die im Kleinen wirken und dabei doch einen breiten künstlerischen Horizont unter Beweis stellen.
An Landeshauptmann Kunasek und den Seinen geht das weitgehend vorbei. „Kultur darf kein Minderheitenprogramm selbsternannter Eliten sein“, heißt es auf der Website der steirischen FP. Auf der Gegenseite haben pubertäre Reime, wie sie 2025 bei den „Kulturlandretten“-Demos in Graz skandiert wurden, auch nicht dazu beigetragen, bei der FP Verständnis für die Kunstszene zu wecken: „Schießt den Kuni auf den Mond. Das ist die Raumfahrt, die sich lohnt.“ – Wenn man berücksichtigt, dass sich die gegenseitige Abneigung zwischen FPÖ und Kulturschaffenden seit Jahrzehnten stetig aufgebauscht hat, ist es irgendwie sogar verständlich, dass sich der FP-Landeshauptmann nicht bei Veranstaltungen der bildungsbürgerlichen „Styriarte“ oder bei einem „Steirischen Herbst“ blicken lassen und Buhrufe abholen wird. Viel lieber aalt er sich im Bad in der Menge bei volkskulturellen Veranstaltungen wie dem „Aufsteirern“, das die Landeshauptstadt Graz jedes Jahr im Herbst für mehrere Tage in einen Catwalk für Dirndln und Lederhosenträger verwandelt und dabei Woodstock-Dimensionen annimmt: 2025 wurde das Kirtags-Festival um Tanz, Musik und Brettljausen von rund 200.000 Menschen besucht. Dagegen dürften die 14.000 Unterschriften, die für die Petition „Kulturlandretten“ von März 2025 bis Anfang Juni 2026 online gesammelt wurden, den FP-Politiker im Vergleich wenig jucken.
Die Zukunftsmusi in der Steiermark
Bei der Volkskultur spielt ab sofort die Musi in der Steiermark. Die Künstler und Künstlerinnen, die damit nichts am Steirerhut haben, können schon mal die erste Zeile von Ingeborg Bachmanns Gedicht „Die gestundete Zeit“ ins nächste Werk einarbeiten: „Es kommen härtere Tage“. Stärker treffen wird das Ungemach allerdings arrivierte Festivals und Veranstalter, die üppigere Budgets gewöhnt waren. Denn die Kleinen, Freien sind schon seit Jahrzehnten darauf trainiert, unter den Arbeitsprinzipien der Selbstausbeutung Programm zu machen. Bisher war ihnen dafür zumindest die Anerkennung der politisch Verantwortlichen gewiss. Und Landeshauptmann Drexler hatte in einer breit angelegten „Kulturstrategie 2030“ sogar Besserungen und „fair pay“ – faire Bezahlung für ihre Bemühungen – in Aussicht gestellt. Doch die steirische Kulturstrategie wurde wurde mit Drexlers krachender Wahlschlappe im Herbst 2024 quasi über Nacht zur Makulatur. Fair-Pay-Visionen waren gestern. Jetzt geht’s ums Durchhalten. Und vielleicht auch darum, die Blaupause für Überlebensstrategien der Kulturnation Österreich unter FP-Regierung zu entwickeln.
Die Initiative „Kulturland retten“ im Internet: https://kulturlandretten.at/