Hoit, do is a Spoit!
Burschen sind in einem Schulsystem, das seit Jahrzehnten weiblich dominiert wird, deutlich ins Hintertreffen geraten. Die Politik reagiert bislang zögerlich auf das Problem.
Der Gender-Pay-Gap ist nicht die einzige Kluft, die zwischen den Geschlechtern klafft – es ist nur die prominenteste, da sie mittlerweile zu jeder sich bietenden Gelegenheit medial abgehandelt wird. Es gibt allerdings eine erkleckliche Reihe von Gender-Gaps, die so gut wie unbekannt sind. Einer davon tut sich in Österreich jedes Jahr im Mai und Juni auf. Man könnte ihn den Gender-Matura-Gap nennen. Dass darüber kaum gesprochen wird, obwohl er Beachtung verdienen würde, liegt daran, dass er einer jener Klüfte ist, die zulasten des männlichen Geschlechts gehen. Und dass er noch dazu eingebettet ist in einen veritablen Gender-Bildungs-Gap, über den schon erst recht kaum jemand sprechen mag.
Geschlechterklüfte werden in statistischen Ungleich-Verteilungen gemessen. In Sachen Matura zeigt sich in den Tabellen der Statistik Austria seit einigen Jahren, dass Burschen in Österreich rund 43 % der Maturanten stellen, Mädchen dagegen recht stabil bei 57 % halten – ergibt 14 Prozentpunkte Unterschied. Vergleichbare Abitur-Gaps im Ausmaß von 12 Prozentpunkten tun sich auch in Deutschland und der Schweiz auf.

Man braucht nicht besonders viel Phantasie, um sich auszumalen, was medial und politisch los wäre, wenn das Verhältnis umgekehrt wäre und Mädchen bei der der höheren Schulbildung im Hintertreffen wären. Dementsprechend wundert sich der Schweizer Pädagoge und Bestsellerautor Remo H. Largo im Interviewbuch „Jugendjahre“ über eine klaffende Wahrnehmungslücke. Er gibt der Interviewerin Monika Czernin zu Protokoll: „Im Bildungssystem herrscht eine krasse Benachteiligung und Ungleichbehandlung des männlichen Geschlechts. Mädchen werden bevorzugt, Jungen diskriminiert, was bildungs- wie gesellschaftspolitisch hochbrisant ist. Die verantwortlichen Bildungspolitiker versuchen zu beschwichtigen und sehen wenig Grund zur Aufregung oder gar für eine Korrektur. Was aber würde geschehen, wenn 60 % aller Gymnasiasten Jungen, aber nur 40 % Mädchen wäre? Ein Aufschrei würde durch die Medien gehen – zu Recht!“
Die erste Auflage von „Jugendjahre“ erschien 2011. Seither ist nicht nur in der Schweiz wenig passiert, was diesen Bildungs-Spalt betrifft. Allein die tosende Stille derer, die sonst nicht kleinlaut für die Gleichbehandlung der Geschlechter eintreten, muss verwundern.
Abgehängt, aber weitgehend unsichtbar
In Österreich ist der Gender-Matura-Gap das Mittelglied einer Kette, die mit totaler Frauendominanz im Lehrkörper von Volksschulen beginnt und am Ende der Bildungsskala in stetig sinkenden Zahlen junger Männer mit Studienabschluss mündet: 2023 waren 60 % der Absolventen eines Lehrgangs oder Studiums Frauen, Männer stellten nur noch 40 % – und niemanden beirrt es. In der österreichischen Bevölkerung haben mittlerweile 23,5 % der Frauen einen akademischen Abschluss und nur 18,5 % der Männer. Das scheint weder die Politik noch NGOs zu irritieren, die sich nominell der Geschlechtergerechtigkeit verschrieben haben.
Wenn dieses Ungleichgewicht dazu beitragen soll, den Gender-Pay-Gap zu verringern, dann scheint das Experiment zu gelingen. Die in London lebende deutsche Journalistin Eva Lapido berichtet in ihrem Buch „Not am Mann“, dass sich in Großbritannien der Pay-Gap in der Altersklasse unter 25 bereits umgedreht hat: Dort verdienen junge Frauen im Schnitt 6 % mehr als ihre männlichen Alterskollegen. Aber auch in Wien sind laut Website der Bundeshauptstadt junge Männer eineinhalb Mal so oft armutsgefährdet wie junge Frauen. In den Medien abgehandelt wird allerdings nur das Armutsrisiko von Frauen.
Die sich öffnende Schere bei Bildungsabschlüssen
Doch bleiben wir bei der Situation an Österreichs Schulen. Seit 1982 ist der Anteil der Österreicher mit einem Abschluss einer mittleren oder höheren Schule von 18 % auf über 30 % gestiegen. Sprich: Die Bevölkerung ist formal zunehmend höher gebildet. Als Nutznießer dieser Entwicklung scheinen Frauen in der statistischen Verteilung auf. Männer können mit 56 % Anteil zwar häufiger öfter einen Pflichtschul- oder Lehrabschluss vorweisen, aber Frauen haben deutlich öfter als Männer einen mittleren oder höheren Schulabschluss. Sie stellen 54 % aller Absolventen von Fachschulen, Handelsschulen, Gymnasien und Lehranstalten. Und auch in der nächsthöheren Bildungsstufe, den akademischen Abschlüssen, dominieren mit 56 % Anteil Frauen – Tendenz steigend. Das ist, wenn man die damit verbundenen Karriere- und Aufstiegschancen in Betracht zieht, kein kleiner Unterschied, der im umgekehrten Fall sicher als Indiz für das herrschende Patriarchat lautstark angeprangert werden würde.

Auch an den höheren Schulen selbst fehlt das Bewusstsein, dass sich in der Bildung etwas zu Ungunsten des männlichen Geschlechts verschoben hat. Im Gegenteil: Im Gymnasium meines Sohnes erfuhren die Jungs in der Oberstufe in allen möglichen und unmöglichen Fächern – von Deutsch über Englisch bis hin zu Religion –, wie privilegiert die männlichen Wesen in unserer patriarchalen Gesellschaft doch seien, und sie wurden dazu animiert, dem Feminismus in Aufsätzen und Erörterungen ein Loblied zu singen bzw. sich in Diskussionen zu dessen Segnungen zu bekennen. Mangelnde Begeisterung wurde von den Lehrerinnen bereits als potenzielle Kritik gewertet und misstrauisch beäugt. Aber das nur nebenbei.
Das Schulwesen ist weiblich dominiert
Während feministische Akteurinnen jederzeit bemängeln, dass weit mehr Männer als Frauen in einflussreichen Positionen von Politik und Wirtschaft sitzen, hat offenbar niemand ein Problem damit, dass das Schulwesen in Österreich deutlich weiblich dominiert ist. Fast zwei Drittel des Lehrkörpers an AHS sind mittlerweile weiblich besetzt: 8.058 Lehrer (36 %) und 14.214 Lehrerinnen (64 %) bestreiten den Unterricht in den Gymnasien. Noch ungleicher ist das Lehrer-Lehrerinnen-Verhältnis an den Neuen Mittelschulen: Von den über 28.900 Lehrkräften sind fast drei Viertel (21.162 = 73 %) Lehrerinnen. Und noch einmal steiler ist das Gefälle an österreichischen Volksschulen: Hier stehen knapp 3.290 männliche Volksschullehrer mehr als zehn Mal so viele, nämlich 38.200 Lehrerinnen gegenüber – sie machen mithin 92 % aller Volksschullehrer (mwd) aus.

Das war nicht immer so: 1962 etwa saßen in den Lehrerzimmern von Österreichs Volksschulen 45 % Männer und 55 % Frauen. Im Jahr 2005, als nur noch 12 % des Lehrpersonals an den Volksschulen männlich waren, hat das Bildungsministerium eine Studie in Auftrag gegeben, um die Entwicklung einzuordnen. Die Studienautorinnen stellten dabei in Frage, ob mehr männliche Lehrer sich überhaupt positiv auf den Schulerfolg der Burschen auswirken würden. Folgerichtig ist in den letzten 20 Jahren nichts unternommen worden, um mehr Männer für den Beruf des Volksschullehrers zu gewinnen. Der Erfolg: Noch weniger Lehrer in den Volksschulen und zunehmend abgehängte männliche Schüler.
Im Bildungs-Musterland Finnland ist man überzeugt, dass ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis im Lehrkörper von Vorteil ist. In einem unlängst erschienenen FAZ-Artikel über die seltsame Lustlosigkeit, mit der sich die deutsche Bildungsforschung dem Leistungsrückstand der männlichen Schüler widmet, wird erwähnt, dass in den finnischen Grundschulen per Quote mindestens 40 % des Lehrkörpers von Männern besetzt sein müssen. In Österreich hat man im Frühjahr 2026 dieselbe Quote beschlossen – allerdings für den Aufsichtsrat börsennotierter Unternehmen. Dabei geht es sicher nicht um den wirtschaftlichen Erfolg der zwangsbeglückten Aktiengesellschaften, sondern vermutlich eher darum, angemessene Jobs für den weiblichen Akademikerüberschuss sicherzustellen.
Die positive Kraft von Rollenvorbildern
Vom Feminismus haben wir in den letzten Jahren viel über die positive Kraft von Rollenvorbildern gelernt. Wenn es in irgendeinem Berufsfeld an Frauen hapert – etwa in gut bezahlten technischen Berufen – , dann werden stets das Patriarchat und mangelnde Vorbilder verdächtigt, für das Ungleichgewicht verantwortlich zu sein. Nach 30 Jahren, in denen ausschließlich Frauen- und Mädchen-Förderprogramme unterstützt wurden, wodurch es jetzt zum Beispiel unwesentlich mehr Technik-Studentinnen, aber deutlich weniger männliche Technik-Studenten als noch vor 15 Jahren gibt, setzen erste zaghafte Ergänzungsprogramme für Burschen ein.
So etwa hat das Sozialministerium 2025 die Internetplattform „Boys’ Day“ eingerichtet, wo Burschen-Initiativen in den Bundesländern ihre Angebote lancieren können. Dezidiertes Ziel ist es, mehr junge Männer für Berufe in den Feldern Pflege, Pädagogik und Soziales zu gewinnen. Gut so, ein Anfang ist gemacht. Aber es wird angesichts der vehementen Schieflage schon ein paar mehr Maßnahmen als nur eine Online-Plattform brauchen.
In Deutschland und Österreich entwickelt sich das Bewusstsein, dass auch Männer gesellschaftlich („strukturell“) benachteiligt sein können, erst langsam. So bekundete die deutsche Bildungs-, Familien- und Frauenministerin Karin Prien (CDU) im Frühjahr 2026 in diversen Interviews: „Es ist meiner Meinung nach eines der zentralen gesellschaftlichen Probleme, die wir in Deutschland haben, dass wir für die Jungs mehr tun müssen.“
Was in Deutschland getan werden muss und soll, darüber schweigt sich die Ministerin einstweilen noch aus. Empfehlenswert wäre es jedoch, unmittelbar bei der Bildung anzusetzen. Zumal bei der höheren Bildung, wo die jungen Frauen den jungen Männern in allen Belangen davonziehen: von den mittleren Abschlüssen über die Matura bis hin zu den Studienabschlüssen.
Selbst in männlich dominierten Studienfächern aus dem Spektrum des Ingenieurwesens, wo man 25 Jahre lang jedem Mädchen applaudiert hat, das sich inskribierte, sind die Zahlen der männlichen Studenten stark rückläufig. Das hebt zwar rein rechnerisch die Frauenquote in diesen Studien (juhu!), ist aber insgesamt problematisch, was die Deckung des Ingenieur-Nachwuchses betrifft.
Junge Männer drohen durchzufallen
Eva Ladipo zeichnet in ihrem Essay „Not am Mann. Die Erfindung toxischer Männlichkeit“ das Bild einer Generation von jungen Männern, die im Bildungssystem, am Arbeitsmarkt und im politischen Diskurs gleichermaßen durchzufallen droht. Und die ihre Stimme zunehmend rechtspopulistischen Parteien schenkt, weil das linke Parteienspektrum sich wahrzunehmen weigert, dass es hier eine Schieflage gibt.
Den Rechtspopulisten fehlt zwar auch das Bewusstsein für die gesellschaftspolitische Problemlage. Aber sie behaupten zumindest nicht laufend, dass Frauen in unserer Gesellschaft vollkommen benachteiligt und Männer in allen Belangen privilegiert seien. Das Festhalten linker Parteien an der Überzeugung, dass allein und immer Frauen Benachteiligungen erfahren, deckt sich in Bereichen wie Bildung und Gesundheit (und auch in einigen anderen, wie beim Sorgerecht oder der Landesverteidigung) weder mit den statistischen Zahlen noch mit der Lebenswirklichkeit der Bevölkerungsmehrheit. Auf weiblicher Seite sehen vor allem Mütter von Burschen immer klarer, dass ihre Söhne von der Gesellschaft nicht bevorzugt werden, wie feministische Aktivistinnen gebetsmühlenartig wiederholen. Im Gegenteil: Frauen und Mädchen stehen Förderprogramme und -initiativen zur Verfügung, die es für Burschen kaum bis gar nicht gibt.
Entwicklungshilfe für China
Eva Ladipo schreibt dazu: „Es erinnert ein bisschen an Entwicklungshilfe für China, wenn Mädchen in Girlpower-Projektwochen an Mathe, Physik oder Fußball herangeführt werden. Die umgekehrte Förderung, die angesichts der verfügbaren Daten dringend nötig wäre, bleibt dagegen aus: Für Jungen gibt es kaum Initiativen, um sie für Ballett, Literatur oder Fremdsprachen zu gewinnen.“ – Oder, was noch wichtiger wäre: für Gesundheitsthemen.
Das Problem der zunehmenden Benachteiligung von Burschen zu erkennen und benennen, wie es zaghaft in Deutschland passiert, ist ein wichtiger erster Schritt. In Österreich, scheint es, sind Politik und Medien (allen voran der ORF) mehrheitlich noch nicht so weit, den sich weitenden Geschlechterspalt in der Bildung unvoreingenommen zu thematisieren. Eher wird bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit wieder der ominöse Pay-Gap breit abgehandelt.
Literatur und Links
- Remo H. Largo, Monika Czernin: Jugendjahre. Kinder durch die Pubertät begleiten. Piper 2011
- Eva Ladipo: Not am Mann. Die Erfindung toxischer Männlichkeit. Reclam 2026
- Zur britischen Studie, die 2023 eine Umkehrung der Einkommensschere bei Angestellten unter 25 festgestellt hat: IZA Institute of Labour Economics: Gender Wage Gap among Young Adults
- Stadt Wien: Zur Lage der jungen Erwachsenen unter 25 Jahren in Wien (2023) https://www.wien.gv.at/spezial/mindestsicherung/junge-erwachsene-unter-25-jahren/zur-lage-der-jungen-erwachsenen-unter-25-jahren-in-wien/
- Zur Statistik der Bildungsabschlüsse: Statistik Austria/ Bildung – https://www.statistik.at/statistiken/bevoelkerung-und-soziales/bildung
- Zur Geschlechterverteilung im Lehrkörper: Grunddaten des österreichischen Schulwesens https://www.bmb.gv.at/Themen/schule/schulsystem/gd.html
- BMBWK: Männer als Volksschullehrer. Statistische Darstellung und Einblick in die erziehungswissenschaftliche Diskussion. Wien 2005
- FAZ-Artikel „Männliche Bildungsverlierer: Sind sie am Ende einfach zu faul?“ – 16.03.2026 https://www.faz.net/aktuell/wissen/forschung-politik/warum-manche-schueler-schlechter-sind-als-andere-110852680.html
- Zur Infitiative „Boys‘ Day“: www.boysday.at
- VDI Nachrichten (2024): Immer weniger Ingenieurnachwuchs in Deutschland – https://www.vdi-nachrichten.com/karriere/studium/der-ingenieurnachwuchs-in-deutschland-auf-der-kippe/
- Die Presse (2025): Technikstudien: weniger Männer, mehr Frauen – https://www.diepresse.com/19226744/technikstudien-weniger-maenner-mehr-frauen
- Einen Überblick über gängige Gender-Gaps, die Männer betreffen und in der Öffentlichkeit kaum beachtet werden, liefert der Wiener Sozialpädagoge Klaus Podirsky in seinem Buch „Der Eisberg des Gender Gap“ (BoD, 2022)