Cover von Iris Hanikas Buch "Wunderwaffel Wunschbewaffnung"
Kritik,

Eine Wunderwaffel gegen den Krieg

Iris Hanikas neues Buch „Wunderwaffel Wunschbewaffnung“ schreitet mit teils groteskem Humor von der düsteren politischen Realität des Krieges zur Möglichkeitsform der Literatur.

Iris Hanika, die zuletzt 2021 für den Roman „Echos Kammern“ den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, veröffentlichte im Oktober 2023 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen Text mit dem Titel „Im Krieg schweigen die Musen“. Darin beschreibt sie, wie Deutschlands zögerliche Unterstützung für die von Russland angegriffene Ukraine Hassgefühle in ihr ausgelöst hat und wie es ihr unmöglich ist, in Zeiten des Krieges literarisch aktiv zu sein. Auch drückt sie in diesem Text ihr Unverständnis gegenüber jenen Leuten aus, die nicht verstehen, dass es beim Krieg in der Ukraine nicht um machtpolitische Fragen geht (Russland versus Nato), sondern vor allem um den Erhalt der Freiheit im Großteil Europas. Und damit um den Erhalt des Friedens.

„Friede ist ungestörte Freiheit, Knechtschaft dagegen das schlimmste aller Übel, für dessen Beseitigung man Krieg, ja, den Tod auf sich nehmen muss“, zitiert sie den Lateiner Cicero. Hanika kommt angesichts der Reaktionen auf den Ukrainekrieg zum Schluss, dass es vermutlich zwei Typen Menschen gibt: Diejenigen, die lieber tot sein wollen, als in Despotie zu leben, und die anderen, die „ums Verrecken nicht tot sein wollen“ und daher gerne die Sklaverei in Kauf nehmen. Die Ukrainer zögen die Freiheit vor.

Ausbruch aus dem Korsett der Konventionen

Dass auch Iris Hanika eine freiheitsliebende Person sein muss, merkt man an ihren Büchern. Bislang hat sie fünf Romane und mehrere Bände mit kurzer Prosa vorgelegt, die sich allesamt durch einen spielerischen Umgang mit Sprache und Form und eine nicht unbeträchtliche Portion Aberwitz auszeichnen, mit der das Korsett der literarischen Konventionen zum Tänzerischen hin geöffnet wird. Ein lustvoller Umgang mit sprachlichen Registern, doppelte Erzählböden und das Aufbrechen erzählerischer Muster gehören zum Standardrepertoire der Berliner Autorin, die mit dem Roman „Treffen sich zwei“ (2008) auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises landete und dadurch einem breiteren Publikum bekannt wurde.

Wie für die meisten Mittel- und Osteuropäer stellte der Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 auch für Hanika und ihr Umfeld ein Schockmoment dar. Denn der Angriff verdeutlichte, dass der jahrzehntelange Frieden in Nachkriegseuropa, der so stabil gewirkt hatte und selbst durch die Balkankriege der 1990er-Jahre nicht wesentlich erschüttert werden konnte, an ein Ende gekommen war – aufgekündigt durch die imperialistisch und expansiv gesinnte Großmacht Russland unter Diktator Putin.

Immerfort, immerzu

Der 24. Februar 2022 wurde von vielen Menschen als Zäsur wahrgenommen, die seither permanent im Denken präsent ist. „In einem fort, den ganzen Tag, von früh bis spät waren wir mit dem Krieg beschäftigt, immerzu, immerfort, immerzu, immerfort“, heißt es in „Wunderwaffel Wunschbewaffnung“. Das im Sommer 2026 erschienene Buch, das sich einer Gattungsbezeichnung enthält, aber irgendwo zwischen Tirade, Pamphlet und Erzählung angesiedelt ist,  gibt Zeugnis davon, dass die Musen der Autorin – zum Glück – nur vorübergehend geschwiegen hatten. Denn im Buch gewinnt die literarische Auseinandersetzung mit dem Krieg und seiner Bedeutung für freiheitsliebende Intellektuelle in Mitteleuropa gegenüber der realitätsverhafteten Sichtweise wieder die Überhand.

Das Zentrum des Textes bilden das Erzähl-Ich und ihr Lebensgefährte K. (alias „das Kerlchen“). Rundherum positionieren sich Freundeskreise, mediale Meinungen und die zentrale Streitfrage: Wie hältst du es mit der Freiheit im Angesicht der russischen Expansionsbestrebungen? Dabei zeigt sich, dass auch im Umfeld von Erzähl-Ich und K. einige Leute die Dinge nicht so klar sehen, wie Hanika das in ihrem FAZ-Artikel umrissen hat. Und das bringt die Erzählerin und ihren Gefährten regelmäßig in Rage. Jedoch: Die reale Person Iris Hanika, die mit dem FAZ-Artikel öffentlich in Erscheinung getreten ist und mit Nachdruck argumentierte, wird im „Wunderwaffel“-Text von der Ich-Erzählerin abgespalten und firmiert in der Folge als „Wirkl-Ich“ bzw. „das Wirkl“, das gegenüber den fiktionalen Elementen des Textes zunehmend in den Hintergrund gerät. Die literarische Realität hingegen rückt in die Nähe der „Wunschbewaffnung“, mit der die Freiheit verteidigt werden kann.

Selbsthilfegruppe der Ex-Russlandliebhaber

Konkret nimmt die Ich-Erzählerin an einer Selbsthilfegruppe von Ex-Russophilen teil, die den Schock verdauen müssen, dass sich ihr geliebtes Russland (bzw. ihre Idee von Russland) als politisches Monstrum entpuppt hat. Sogar eine Russin nimmt an diesen Sitzungen teil: Sie nennt sich auf ukrainisch Svitlana (vormals russisch Svetlana) und erweist sich durch ihre verdrehte Sprechweise als Cousine oder auch Vorbild für die Hauptfigur Sophonisbe in Hanikas prämiertem Roman „Echos Kammern“. Nicht zuletzt dank Svitlanas Einwürfen gehören die Berichte von den Sitzungen der Ex-Russophilengruppe zum Witzigsten, was „Wunderwaffel Wunschbewaffnung“ zu bieten hat. Mythen wie die „russische Seele“ werden zerrupft, bis nichts mehr davon übrigbleibt. Svitlana: „Ja, in ganzes Land ist es so: draußen huch, innen Pfusch.“

Eine andere Ex-Russophile, die Autorin Sandrine, wird mit der Überlegung zitiert, wonach die überwältigende Schönheit, die man in der klassischen Literatur, Musik und Kunst Russlands erleben kann, nichts anderes ist als die Kehrseite der monströsen Hässlichkeit der Alltagsrealität des Landes. Eine weitere Teilnehmerin, Anna Amalia, behilft sich mit der dichterischen Verarbeitung des Traumas durch Alliterationen – woraus sich auch das wunderliche Wortspiel „Wunderwaffel Wunschbewaffnung“ ableitet.

Kafkas Humor

Kann die Kunst vielleicht doch helfen, mit dem Wahnsinn des Krieges fertigzuwerden? „Man bräuchte Kafkas Humor, um das alles auszuhalten“, heißt es an einer Stelle. Der Satz bildet auch den Untertitel des Bandes. Und so erfüllt das K. im Text eine zweifache Funktion: Es verweist auf Hanikas Lebensgefährten K. (s. „das Kerlchen“), aber auch auf Kafka bzw. die Kafkafigur K. In Kafkas Sinne zeigt Hanikas Buch jedenfalls deutliche Anzeichen von jener Art groteskem Humor, der zumindest kurzzeitig vor der Verzweiflung schützt.

Am Ende des Buches – nach dem eingeschobenen Essay „Inter armae silent musae. Im Krieg schweigen die Musen“ – sehen die Erzählerin und ihr Gefährte ein, dass das Sich-Zermartern, das ständige Über-den-Krieg-Nachdenken keinen Ausweg aus der Misere darstellt, und sie beschließen, gemeinsam mit einem befreundeten Paar in die Ukraine zu reisen. Und zwar in einer Zaubergestalt: als Tauben. So haben sich die Erzählerin und ihre Hauptfiguren am Ende nicht nur vom „Wirkl-Ich“ der rumpelstilzchenhaft gegen den Krieg aufstampfenden Autorin Iris Hanika emanzipiert, sondern auch von der schnöden Wirklichkeit generell losgesagt. Jedoch mit dem hehren Ziel, als gefiederte Abwehrkräfte auf Seiten der Ukraine in das Kampfgeschehen des Drohnenkrieges einzugreifen.

Bunte literarische Murmel

„Wunderwaffel Wunschbewaffnung“ fügt sich als bunte literarische Murmel in eine Reihe von Büchern, die sich mehr oder weniger literarisch – journalistisch, essayistisch mitunter – mit dem Faktum befassen, dass der russische Überfall auf die Ukraine dem europäischen Frieden laut knallend eine auf den Deckel gegeben hat. Differenzierter in der Argumentation mag etwa Francesca Melandris biographisch-essayistisches Werk „Kalte Füße“ sein. Eindringlicher und direkter ist sicher Sczcepan Twardochs Front-Roman „Die Nulllinie“. Das Verdienst Iris Hanikas aber ist es, eine ästhetische Stimme für die Verzweiflung gefunden zu haben, die die Tatsache des Krieges in mitteleuropäischen Intellektuellen auslösen kann. Ein Vorbild für ihre Art Literatur ist ausgerechnet in Russland bzw. der Sowjetunion zu finden, bei Franz Kafkas gewitztem Bruder im Geiste Daniil Charms, auf den Hanika in ihrem Werk mehrfach verweist.

Iris Hanika: Wunderwaffel Wunschbewaffnung oder Man müsste Kafkas Humor haben, um das alles auszuhalten. Eigenverlag 2026, 142 Seiten

Geschrieben am 1670. Tag des russischen Überfalls auf die Ukraine  (21.09.2026)