Schöner denken
Was ist eigentlich „neues Denken“, wenn man darüber nachdenkt?
„Was liest du da?“, fragte Edda, die Sekretärin im Forum Stadtpark, für das ich Ende der 1990er-Jahre Lesungen kuratierte.
„‘Ästhetisches Denken‘, einen Band mit Aufsätzen von Wolfgang Welsch.“
„Gibt’s kein Buch über normales Denken?“
Edda war stets unverblümt. Das machte sie zu einer erfrischenden Erscheinung im verkopften Grazer Kunstbetrieb. Ein Vierteljahrhundert später, in den 2020er-Jahren wäre Edda die Äußerung vielleicht schon auf den Kopf gefallen. Denn wer „normales Denken“ aufbringt, macht sich verdächtig, reaktionär zu sein, und hat dann im Kunstbetrieb, bitte sehr, nichts zu suchen. „Deutschland. Aber normal“ lautete etwa der Slogan der AfD bei der deutschen Bundestagswahl 2021. Und so brach auch in Österreich im Sommer 2022 eine politische Debatte über den Begriff „normal“ aus, nachdem Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner in einem Kommentar in der Tageszeitung „Die Presse“ mehr Normalität in der Politik und normale Politik für normale Leute eingefordert hatte. Für die Grünen ein klarer Fall: Wer Normalität einfordert, erklärt die anderen zu Abnormalen. Und das geht gar nicht!
Aber so einfach ist es nicht. Denn Wörter sind in der Regel keine Münzen mit einer semantischen Vorder- und Rückseite. Das Wort „normal“ hat mehrere Bedeutungen, „geistig gesund“ ist nur eine davon. Was diese österreichische Sommerlochdebatte des Jahres 2022 jedoch schön verdeutlichte, war die Verschiebung des Schwerpunktes in öffentlichen Diskussionen von rationaler Argumentation hin zu moralischer Argumentation, wie sie typisch ist für das, was man „neues Denken“ nennen könnte.
Ethos – Pathos – Logos
Bereits in der Antike war klar, dass die Vernunft, im Vergleich zur Moral und zur Emotion in der Argumentation von politischen Fragen maximal die zweite Geige spielt. Schlag nach bei Aristoteles, „Rhetorik“, Erstes Buch, zweiter Abschnitt: Demnach sind drei Faktoren entscheidend, um einen anderen Menschen von seinen Ansichten zu überzeugen: Erstens der Charakter, das Ansehen und der Status der Person, die die Argumente vorbringt (Ethos)[1]. Zweitens die Gefühlslage, in die eine Rede die Zuhörerschaft versetzt (Pathos). Und erst als Drittes nennt Aristoteles den Logos bzw. spricht er von „Wahrem oder Wahrscheinlichem aus je glaubwürdigen Argumenten“ – also dem, was wir heute Vernunft, Fakten und „trust the science“ nennen (Logos). Seit der Aufklärung denken wir, dass der Vernunft das Primat über Ethos und Pathos zusteht. Die kommunikative Theorie von Jürgen Habermas etwa rückt den „eigentümlich zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ in den Mittelpunkt. Aber in der Realität werden die Regeln der Vernunft oft ignoriert, und es werden Moral und Emotion eingesetzt, um argumentativen Druck aufzubauen. Es ist das Primat der Moral und der Emotion gegenüber dem Logos, wodurch sich das „neue Denken“ auszeichnet. Wie kam es zur pathologischen Überbetonung des Ethos?
Ideologien als Sprachspiele
Für den deutschen Philosophen Harry Lehmann markiert der Durchbruch der sozialen Medien, den er im Jahr 2014 verortet[2], den Wendepunkt in der Art, wie Diskurse verhandelt werden. In seinem Buch „Ideologiemaschinen“ erklärt er den Mechanismus dahinter. Ideologien sind für ihn eine Art Sprachspiel, die politische Kernbegriffe „in ein je spezifisches Arrangement“ bringen. Zu den Kernbegriffen – oder eigentlich Kernwerten – zählen Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Diversität, Macht, Tradition, Autorität und Demokratie. Beispiel: Sozialdemokratische Parteien halten Gerechtigkeit, Gleichheit und Solidarität hoch; konservative Parteien Eigenverantwortlichkeit und (christliche) Tradition; liberale Parteien Freiheit und Demokratie; die Kernwerte der Grünen sind Ökologie, Diversität und Feminismus und die der Rechten Volk (Nation) und Tradition.
Die politischen Ideologien stehen miteinander im Wettbewerb und wollen sich übertrumpfen. So weit so gut. Allerdings erweist sich dabei als Problem, dass in Diskussionen meist Extrempositionen gegenüber den gemäßigten Positionen die Oberhand gewinnen. Lehmann zufolge werden die moderaten Positionen in Streitgesprächen als nicht nachdrücklich genug wahrgenommen, wodurch sich der Diskurs zu den Extremen verlagert. So kommt es zur Gruppenpolarisierung.
Man kann das sowohl im linken als auch im rechten Spektrum beobachten, dass sich vor allem die Schreihälse durchsetzen und die moderaten Stimmen kaum gehört werden. Dieser Effekt, meint Lehmann, wird durch die sozialen Medien verstärkt, denn über ihre Kanäle würden sämtliche Impulse sofort verbreitet, ohne sie moderierend zu filtern, wie es bis vor zwanzig Jahren in Institutionen weitgehend noch der Fall war. Ergo: „Die digitale Kommunikation befördert also an und für sich eine Politisierung [= Ideologisierung] der gesellschaftlichen Kommunikation.“
Lehmann führt in seinem Buch nicht explizit aus, wodurch sich die Politisierung / Ideologisierung der Kommunikation auszeichnet, aber wenn man an den Eckpunkten von Aristoteles‘ Rhetorik Maß nimmt, fällt auf, dass Positionen umso unnachgiebiger wirken, je mehr Gewicht moralischen und emotionalen Standpunkten beigemessen wird. Man könnte also sagen: Rationale Argumente ziehen in polarisierten Diskursen gegenüber Ethos und Pathos den Kürzeren. Auf diese Weise haben in den letzten beiden Jahrzehnten auch Institutionen bzw. Handlungsfelder wie Universitäten, Kulturbetrieb oder Medienbereich einen deutlichen Ideologisierungsschub erfahren. Wobei in diesen Feldern „linke“ Positionen, die als progressives „neues Denken“ gesehen werden, eindeutig dominieren.
Auftritt bei den Wiener Festwochen
2025 wurde Lehmann von den Wiener Festwochen ins Diskursformat „Wiener Kongresse“ eingeladen. Hintergrund: Ein vierköpfiges Gremium sollte in einer Gerichtsperformance darüber entscheiden, ob es sich bei der 2023 erfolgten Entlassung der Bonner Professorin Ulrike Guérot, die mit heterodoxen Ansichten zur Coronakrise und zum Ukrainekrieg aufgefallen war, um einen Fall von Cancel Culture gehandelt hat oder um eine gerechtfertigte Maßnahme. Dem Gremium gehörten an: die Politikwissenschaftlerin Monika Mokre, die feministische Journalistin Amina Aziz, die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen und der konservative Kolumnist Jan Fleischhauer.
Harry Lehmann also gab als Experte Auskunft über die Wirkweisen der sogenannten Cancel Culture, wie er sie in „Ideologiemaschinen“ beschreibt. Er wirkt im Youtube-Video[3], das er von seinem Auftritt hochgeladen hat, schüchtern bis leicht verschreckt, wenn er nach etwas ungeduldiger Einleitung durch Frau Mokre seine Ausführungen über Ideologien und Gruppenpolarisierung unter den Vorzeichen der sozialen Medien mit den Worten beginnt: „Immer wenn die Situationen sehr unübersichtlich und kontrovers sind, so wie hier, dann ist eigentlich nichts praktischer als eine Theorie, und das kann ich Ihnen anbieten.“ Sprich: Er beruft sich darauf, dass im Wirrwarr moralisch-emotionaler Fragen die Vernunft (= eine Theorie) als Orientierungspunkt dienen kann.
In der Ideologiemaschine
Auf Lehmanns Impulsvortrag folgt eine Befragung durch die Mitglieder der Jury. Amina Aziz, die Chefredakteurin der Zeitschrift „Missy“, erweist sich in ihrer Wortmeldung als Verfechterin des „neuen Denkens“. „Sie scheinen ja leidenschaftlicher Wissenschaftler zu sein,“ eröffnet Aziz mit einer Spur Herablassung ihre Frage an den Philosophen und stellt (bewusst oder unbewusst), mit dieser Wendung („leidenschaftlicher Wissenschaftler“) einerseits das Thema in einen emotionalen Bezugsrahmen und andererseits Lehmanns Kompetenz subtil in Frage. („Sie scheinen … ein Wissenschaftler zu sein.“) Ihre eigentliche Frage führt noch deutlicher auf die von ihr bevorzugte Diskursebene. Sie will wissen, wie weit Lehmann persönlich der Ansicht sei, dass „Professor*innen [mit Knack!laut gesprochen], die sich menschenfeindlich äußern, auch entlassen werden sollten – ganz generell gesprochen“. Und wir sehen das Muster: Die Frage führt weg von der rationalen Betrachtung, hin auf die Ebene des Ethos.
Lehmann lässt sich allerdings nicht darauf ein. Er entgegnet, die Frage wirke konstruiert, denn es gehöre „nicht zum wissenschaftlichen Kommunikationsstil, sich menschenfeindlich zu äußern.“ Ihm seien keine Wortmeldungen von gecancelten Professoren [Bernd Lucke, Helfried Münkler, Susanne Schröter, Ulrike Guérot …] bekannt, die er als menschenfeindlich interpretieren würde. – Und damit wehrt er den Versuch ab, die Ebene der Theorie bzw. des Logos zu verlassen und sich auf die Ebene von Ethos und Pathos zu begeben, die als wesentliche Transmissionsriemen von „Ideologiemaschinen“ fungieren.
Als „Ideologiemaschinen“ bezeichnet Lehmann in seinem Buch Institutionen, „die nicht länger an ihrer Funktion orientiert sind, sondern anstelle von Kunst, Wissenschaft oder Bildung beginnen, Ideologie zu produzieren.“ – Und die vor diesem Hintergrund unliebsame Meinungen gar nicht erst aufkommen lassen wollen, sondern sie als moralisch verwerfliche Standpunkte exkommunizieren.
Insofern ist das 2024 eingeführte Format „Wiener Kongresse“, das Festwochen-Intendant Milo Rau verantwortet, als Versuch zu sehen, den Diskurs wieder auszuweiten. Denn es bietet nicht nur dezidiert neuen Denkern, die ohnehin das Kulturleben dominieren, die Gelegenheit zur Darstellung ihrer Ansichten, sondern auch aufklärerischen Theoretikern wie Harry Lehmann, turboliberalen Dampfplauderern wie Ulf Poschardt und sogar rechten Ideologen wie Robert Willacker (im Jahr 2024 zur Frage, ob die FPÖ verboten werden sollte).[4] Nur der US-Investor Peter Thiel, ein Transhumanist, der an die Rettung der Welt durch den Hyper-Menschen glaubt und an die Rettung der USA durch Donald Trump, konnte seine religiös inspirierte Erlösungsideologie 2026 nicht vorstellen, weil etliche der an den Festwochen beteiligten Künstler für diesen Fall mit ihrem Absprung drohten.
Altes Denken – neues Denken
Milo Rau ist trotz (oder dank) seiner Aktivitäten über jeden Verdacht erhaben, „altes Denken“ propagieren zu wollen. Konservative, die ebenfalls für die uneingeschränkte Meinungsfreiheit eintreten, werden da schon eher kritisiert. Zum Beispiel der ehemalige deutsche Finanzminister und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Er war im Jänner 2023 als Festredner zur Wiedereröffnung des renovierten Parlamentsgebäudes nach Wien eingeladen worden. Das Kernstück seiner Ausführungen fasst die Parlamentskorrespondenz[5] wie folgt zusammen:
„Die moralische Integrität des Gegenübers anzuzweifeln, statt seiner Argumentation zu widersprechen, sei zwar bequem, könne aber nicht das politische Argument und die notwendige Auseinandersetzung ersetzen. Denn ,nicht jeder, der die Pandemiemaßnahmen hinterfragt, ist ein Verschwörungstheoretiker, nicht jeder, der sich wegen der Aufnahme von Flüchtlingen sorgt, ein inhumaner Fremdenfeind, und nicht jeder, der die europäischen Klimaziele anzweifelt, ein sogenannter Klimaleugner‘, meinte Schäuble. Es sei darauf zu achten, ‚legitime Positionen nicht aus dem Diskurs zu drängen, auch nicht unter Geltendmachung von Moral oder Identitäten‘.“
Ich zitiere diese Zeilen deswegen so ausführlich, weil Schäubles Worte zu einer Replik von Sigrid Maurer führten, der damaligen Klubsprecherin der Grünen im Nationalrat. Auf Ö1 bekundete Maurer, Schäubles Rede sei Ausdruck von „altem Denken“ und „ideologiegetriebenen Vorstellungen“. Abgesehen von der Projektion („ideologiegetriebene Vorstellungen“), erläuterte sie nicht näher, worin Schäubles „altes Denken“ eigentlich besteht, sondern beließ es bei der Punzierung. Denn wie immer geht es bei solchen Zuschreibungen nicht um eine Definition, sondern um den eigenen Distinktionsgewinn: Wer anderen „altes Denken“ unterstellt, weist sich selbst als progressiv und fortschrittlich aus, und es bleibt ihm (oder ihr) erspart, Argumente vorzubringen, wodurch sich das eigene „neue Denken“ auszeichnet und qualitativ vom „alten Denken“ absetzt.
Was ist eigentlich „neues Denken“?
Aufschluss in dieser Frage könnte ein Modell geben, das der deutsche Philosoph Philipp Hübl 2024 seinem Buch „Moralspektakel“ beschreibt. Seine Ausgangsthese ist, dass Moral seit jeher den sozialen Status eines Menschen in einer Gruppe erhöht und daher eine erstrebenswerte Eigenschaft darstellt. Wer Gutes tut bzw. den moralischen Werten einer Gruppe folgt, steht in der Achtung der Mitmenschen hoch und kann statusmäßig zulegen.
Was allerdings als moralisch wertvoll angesehen wird, hat sich im Lauf der Jahrhunderte gewandelt. Hübl unterscheidet – ausgehend vom 2018 publizierten Modell der US-Soziologen Bradley Campbell und Jason Manning – zwischen drei Wertesystemen, die im Lauf der Zeit unsere Gesellschaft kulturell beherrschten: 1.) die Ehrenkultur, 2.) die Würdekultur und 3.) die Opfer- bzw. Fürsorgekultur.
Ad 1) Die Ehrenkultur ist eine Kultur der Autorität und deckt sich weitgehend mit dem, was man landläufig unter „Patriarchat“ versteht. Diese Kultur beherrschte das Leben seit der Antike bis ins 20. Jahrhundert, dominierte den Feudalismus und erlebte im Faschismus einen neuen Höhepunkt, bevor sie im Westen vorübergehend kollabierte. Aktuell hält die Ehrenkultur einerseits über die Hintertür islamistischen Denkens und andererseits über ein Erstarken rechtsextremer Positionen wieder Einzug in Teile der Gesellschaft.
Ad 2) Die im Westen vorherrschende Kultur der Nachkriegszeit war die Würdekultur. Sie ist ein Kind der Aufklärung und wurde 1948 in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ verbindlich niedergeschrieben. Das Schlüsselwort dazu fällt bereits in Artikel 1: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Mit ihren Kernwerten Freiheit, Universalismus, Autonomie und Individualismus setzte sie sich in der westlichen Welt spätestens nach 1968 als Leitkultur durch und blieb bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts beherrschend für unser Zusammenleben.
Ad 3) Mit Aufkommen des Internets und der sozialen Medien hat sich aus der Würdekultur langsam die Opfer- oder Fürsorgekultur herausgeschält. Sie orientiert sich an Opfergruppen und benachteiligten Minderheiten. Benachteiligung aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht oder einer Ethnie anzuerkennen und die „strukturellen“ Ursachen zu beseitigen, erscheint unter diesem Blickwinkel besonders wertvoll. Und hier sind wir im Herzen des „neuen Denkens“: Wer für Diversität, Gleichbehandlung und Inklusion eintritt, darf rundum mit Zustimmung rechnen. Aber – und das ist nach Philipp Hübl der Knackpunkt an dieser im Grunde positiven Entwicklung: Moralischer Statusgewinn lässt sich in der eigenen Bezugsgruppe nicht nur durch Taten erreichen, sondern auch schon durch Bekenntnisse und symbolische Maßnahmen.
Hübl nennt als Beispiel Diversitätstrainings in Unternehmen. Das sind jene Workshops, zu denen die Mitarbeiter verpflichtet werden, um sich (wenn männlich, weißer Hautfarbe und europäischer Abstammung) ihrer „Privilegien“ bewusst zu werden, bzw. um Schuldbekenntnisse von den pauschal als privilegiert Bezeichneten für jahrhundertelange Unterdrückung einzufordern (alle anderen).
Studien zufolge sind derartige Diversitätstrainings in der Langzeitwirkung ziemlich ineffektiv. Doch sie lassen sich bei etwaigen Rechtsstreitigkeiten – etwa wenn ein Angehöriger einer Minderheit eine Postenbesetzung beeinsprucht – als Maßnahmen gut belegen, vor Gericht ins Treffen führen und insgesamt in der PR besser vermarkten als aufwändige und langfristige Mentoring-Programme, die de facto zu mehr Diversität in Unternehmen führen würden. Auf diese Weise verdrängt das oberflächliche, vielfach an Lippenbekenntnissen orientierte „Moralspektakel“ tiefgreifendere Maßnahmen, die mehr Veränderung bewirken könnten.
Ein ähnliches Phänomen lässt sich derzeit in der feministischen Diskussion um häusliche Gewalt von Männern beobachten. Hier wird ein kollektives Schuldbekenntnis eingefordert: Alle Männer sollen „Verantwortung übernehmen“ für die Taten von Geschlechtsgenossen, die Frauen gegenüber gewalttätig wurden. Und gleichzeitig werden die von Psychologie, Soziologie und Neurophysiologie gut erforschten Ursachen von Gewalt (traumatische Kindheitserlebnisse, mangelnde Impulskontrolle, Alkohol- und Substanzmissbrauch, sozioökonomische Bedingungen, hirnphysiologische Veränderungen …) völlig außer acht gelassen. („Altes Denken!“) Dabei wäre es viel effektiver, bei den Erkenntnissen der Gewaltforschung anzusetzen, statt die Lage nach Geschlechtsidentitäten bzw. feministischen Kampfthesen zu bewerten.
Neues Denken, beschränktes Denken
Als wäre das nicht kontraproduktiv genug, führt eine weitere Eigenschaft des „neuen Denkens“ zu einem bemerkenswerten Rückschritt in der Interpretation wissenschaftlicher Erkenntnisse. Es schert sich nämlich einen Mausdreck um den elementaren Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität und sieht in statistischen Häufungen mit Vorliebe „strukturelle Muster“, aus denen nach Belieben Fehlschlüsse abgeleitet werden, die aus den Zahlen nicht zwingend folgen. (Etwa, dass „alle Männer“ potenzielle Vergewaltiger sind.) Die Logik dahinter entspricht der Gleichung 1+1 = 11.
Wer immer die Dinge geraderücken möchte, erntet empörte Reaktionen. Ein Beispiel: Die Soziologinnen Katja Rost und Margit Osterloh untersuchten, warum im Schnitt an Schweizer Universitäten nur rund ein Viertel der Professuren von Frauen bekleidet werden, obwohl ihr Anteil 50 % unter den Bachelor-Studenten beträgt. In der Theorie ist der Fall klar: Frauen leiden dort besonders unter Benachteiligungen, wo sie in der Minderheit sind und stoßen daher an gläserne Decken. So beschreibt es die Token-Hypothese.
Die Soziologinnen wollten herausfinden, ob diese Annahme stimmt. Neben der Auswertung bestehender Daten wurde eine Online-Befragung unter Studierenden und im Mittelbau der beiden großen Zürcher Universitäten durchgeführt, an der über 9.200 Personen teilnahmen. Auf Basis des Materials kamen die Autorinnen zu dem überraschenden Ergebnis, dass Frauen in männerdominierten Fächern im Verhältnis deutlich öfter Karriere machen als in frauendominierten Studienfächern, wo sich die Akademikerinnen in der Befragung eher familien- als karriereorientiert zeigten. Sie schlossen daraus: Nicht „strukturelle“ Benachteiligungen durch die Institutionen, sondern die eigene Entscheidung der Akademikerinnen ist dafür verantwortlich, dass sich anteilsmäßig weniger Frauen in den höheren akademischen Positionen wiederfinden.
Als Rost und Osterloh mit diesen Ergebnissen 2023 an die Öffentlichkeit gingen, waren Protestbriefe aus dem Universitätsbetrieb die Folge, die Autorinnen wurden von Kolleginnen öffentlich geschmäht und ihre Arbeit als qualitativ minderwertig diskreditiert. „Katja Rost und Margit Osterloh, die jetzige und die ehemalige Präsidentin der universitären Gleichstellungskommission, zementieren traditionelle Rollenbilder, sprechen Studentinnen Diskriminierungserfahrungen ab und spielen den Konservativen in die Hände. Geht’s noch?!“, empörten sich beispielweise Geschichte-Studentinnen in prototypischer Opferkultur-Wortwahl.
Die Kritik an der Studie verstummte erst, als sie unter dem Titel „Exploring the Leaky Pipeline“ 2025 im angesehenen Fachmagazin „European Management Review“ publiziert wurde, das höchste Maßstäbe an seine Veröffentlichungen anlegt. Rost und Osterloh kamen insgesamt glimpflich davon. Anders als Larry Summers: Der US-Ökonom musste 2006 seinen Hut als Harvard-Präsident nehmen, nachdem er in einer internen Besprechung zur „Leaky Pipeline“ genau jene Überlegung in den Raum gestellt hatte, die 20 Jahre später von den Schweizer Soziologinnen zum wiederholten Mal nachgewiesen wurde. Summers’ Pech anno dazumal: Es waren zwei Professorinnen bei der Besprechung anwesend, die sich vom Gedanken, Frauen könnten sich selbst für oder gegen die Mühen einer Karriere entscheiden, moralisch und emotional attackiert fühlten und in der Folge einen Shitstorm gegen den Wirtschaftswissenschaftler vom Zaun brachen, dem er – aufgrund mangelnder Unterstützung seiner Institution – mittelfristig nicht standhielt.
Mit dem mächtigen Hebel der Empörung gelingt es den Proponenten des „neuen Denkens“ immer wieder, differenzierteres Denken auszuheben. „Empörung zeigt, welche Werte man vertritt, und schützt den Selbstdarsteller gleichzeitig vor Kritik“, hält Philipp Hübl fest. Empörung entbindet auch davon, die eigenen Standpunkte rational darlegen zu müssen. Sie sind ja moralisch gerechtfertigt. Wer kümmert sich da noch um Erkenntnisse, die einem nicht in den Kram passen?
Individuum versus Kollektiv
Während die Würdekultur nach innen – zum Individuum hin – ausgerichtet ist und individuelle Freiheit und Unabhängigkeit als zentrale Werte betrachtet, binden sich sowohl die Ehren- als auch die Opferkultur nach außen an Identitätsgruppen. In der Ehrenkultur ist die Gruppenzugehörigkeit ständisch oder nationalistisch gegliedert (und in der muslimischen Spielart religiös zentriert); in der Opferkultur ist sie intersektional ausgerichtet, und es wird nach Ethnie, Geschlecht und sexueller Orientierung gewertet. Dabei tritt der abgrundtiefe Wunsch zutage, sich aus dem einen oder anderen Grund als Opfer der Umstände zu sehen und dafür Verständnis und Mitgefühl zu ernten. Wenn man selbst nicht in die Opferkategorien fällt, identifiziert man sich mit den Benachteiligten und wird zum beklatschten „Ally“ (= Verbündeten). Nominal spielt in der Theorie der Intersektionalität auch die Klasse eine Rolle, aber de facto ist das Milieu der Opferkultur überwiegend bürgerlich und akademisch und begegnet der nach rechts tendierenden Arbeiterklasse und Unterschicht mit akademischem Dünkel.
Interessanterweise gibt es noch eine zweite Überschneidung zwischen dem uralten Denken der Ehrenkultur und dem „neuen Denken“ der Opferkultur. Sie betrifft die Empfindlichkeit gegenüber Sprachäußerungen. Sowohl in der Ehrenkultur als auch in der Opferkultur reicht ein falsches Wort, um eine Situation eskalieren zu lassen.[6] Da das Denken der Opferkultur auf dem „Linguistic Turn“ beruht, bei dem frei flottierender französischer Strukturalismus in den USA vom dortigen Puritanismus pasteurisiert und nach Opfergruppen konfektioniert nach Europa zurückgespielt wurde, werden Worte ihrer Vielschichtigkeit beraubt und bierernst auf potenzielle Machtspiele hin untersucht. Die Macht hat dabei, wer sich von einem Ausdruck beleidigt fühlt – denn er (oder sie oder they) ist das Opfer. Der Unterschied zur Ehrenkultur ist, dass man den Gegner, von dessen Äußerung man sich beleidigt fühlt, nicht mehr zum Duell herausfordert, sondern ihn (sie*they) in den sozialen Medien mit Häme überzieht und in die verbale Scheiße tunkt.
Auftritt der politischen Korrektheit
Ähnlich wie in der Ehrenkultur hat auch die Opferkultur ein differenziertes System von Empfindlichkeiten ausgebildet, über die in der Würdekultur nur Witze gerissen wurden. Doch seit das Gouvernantentum auf dem Weg der politischen Korrektheit in die akademischen Milieus gefunden hat und der Witz als Vorstufe zur Unterdrückung gilt, ist uns alten Denkern, die noch an Freiheit und den Humanismus der Menschenrechte glauben, das Lachen vergangen. Denn die politische Korrektheit beansprucht mit vollem Ernst die moralische Oberhoheit für sich.[7]
„Auf die Prinzipien der Political Correctness zu achten bedeutet letztlich: auf die Menschenwürde zu achten“, schreibt etwa Heidrun Deborah Kämper, Diversitätsbeauftragte am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim, in ihrem Buch „Die Sprache der Rechten“. Und weiter: „Political Correctness ist Ausdruck für ein Bewusstsein, wie Diskriminierung sprachlich erfolgen und wie dies verhindert werden kann, geht es doch eigentlich um respektvollen diskriminierungsfreien Sprachgebrauch. Grundlegend ist dabei die Erkenntnis, dass Wirklichkeit immer gesellschaftlich ist und mit Sprache geschaffen wird. Wirklich wird überhaupt erst das, worauf wir sprachlich Bezug nehmen.“
Kämper zieht hier eine direkte Linie von der Würdekultur („auf die Menschenwürde achten“) zur Opferkultur (Diskriminierung wahrnehmen und verhindern) und führt „respektvollen Sprachgebrauch“ als Mittel der Wahl ein. Jedoch: Das Fundament des radikalen sprachlichen Konstruktivismus, auf dem linguistische Turner*innen wie Heidrun Kämper das Gedankengebäude der politischen Korrektheit errichtet haben, steht auf Sand. Denn die Wirklichkeit wirkt sich auf jeden Fall auf unser Leben aus – unabhängig davon, ob und wie wir sprachlich auf sie Bezug nehmen. Eine Krankheit existiert, bevor sie benannt / diagnostiziert wird. Ein Kind fällt aus dem Fenster, noch bevor es von der Schwerkraft gehört hat. Der Klimawandel vollzieht sich, auch wenn es Pausenclowns gibt, die ihn unablässig leugnen oder kleinreden wollen. Und die Fähigkeit, Kinder zu zeugen oder gebären, hängt – bitte festhalten! – von der Biologie ab und nicht von einem Sprechakt in der Genderklinik. Das, was von der Sprache geformt wird, macht nur einen Teil der Wirklichkeit aus und wird „Kultur“ genannt. Die Kultur wird von Sprache beeinflusst – aber nicht über die Grammatik oder den Wortschatz, sondern über Mythen und ständig wiederholte Klischees (Narrative), die nach und nach in Gesetzen zu Vorschriften kondensieren.[8]
Zwischen Neusprech und New Age
Das „neue Denken“ bewegt sich durch seinen irritierend naiven Glauben an die wirklichkeitsprägende Kraft der Sprache in einem Gravitationsfeld, das von George Orwells „Neusprech“ einerseits und dem „New Age“-Denken der 1970er-Jahre mit seinem Hang zu schamanistischen Ritualen andererseits aufgespannt wird. Politisch betrachtet, erweckt der Glaube an die „Macht der Sprache“ den Eindruck, als seien gesellschaftliche Probleme primär durch sprachliche Eingriffe und Regularien zu lösen, während materielle Probleme – soziale Ungleichheit, Wohnungsnot, ungleiche Bildungschancen – durch die Fixierung auf Tabuwörter und Genderfragen in den Hintergrund gedrängt wurden. Auf diese Weise haben PC-nahe politische Parteien die Deutungshoheit über soziale Gerechtigkeit verloren. Die politische Rechte hat diese Lücke geschickt ausgenutzt, indem sie sich als Anwalt der „kleinen Leute“ inszeniert, die noch „normal reden“ und „normal denken“.
Und damit sind wir wieder beim Anfang des Textes – und der Frage, wie man aus der Grube rauskommen könnte, in der wir uns im Moralverlies des neuen Denkens angekettet finden.
Man könnte …
- … einsehen, dass das „neue Denken“ leider sehr wenig mit Denken zu tun hat, sondern viel mehr mit einem oft oberflächlich gehandhabten Wertesystem, das seinen Proponenten das lauschig warme Gefühl gibt, auf der richtigen Seite zu stehen, ohne viel mehr dafür tun zu müssen, als Likes zu vergeben und sich auf die richtigen Schlüsselwörter hin empört zu zeigen. Mehr Denken wäre das Gebot der Stunde, um Fehlschlüsse zu vermeiden.
- … sich vom Voodoozauber um den Fetisch Sprache lösen und – wenn man von links kommt – den alten Herrn Marx und Engels wieder Glauben schenken: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Nicht umgekehrt.
Der ästhetische Spannungsbogen
Im Sinne des dramaturgischen Bogens soll dieser Text mit einem Verweis auf Wolfgang Welsch‘ Plädoyer für das ästhetische Denken schließen. Die Ästhetik war bereits für Theodor W. Adorno und Max Horkheimer der Fluchtweg aus den katastrophalen Konsequenzen, die sich aus einer rein rational verstandenen Aufklärung ergeben. „Durch ihre technologischen Apparaturen befreie die Vernunft zwar die Menschen vom Zwang der äußeren Natur, aber damit gehe zugleich die Unterdrückung der inneren Natur der Menschen einher“, fasst Welsch einen zentralen Gedanken von Adorno/Horkheimer zusammen.[9] Unter dem Eindruck der ersten Atombomben gelangten die Autoren der „Dialektik der Aufklärung“ zur pathetischen Schlussfolgerung: „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“
80 Jahre später, wo die führenden Köpfe des Silicon Valley die dräuende Apokalypse durch die Superintelligenz heraufbeschwören, wirken diese Worte unheimlich zeitgemäß. Gerade die bombastischen Warnungen vor der KI verdeutlichen: Jedes rein rationale Denken ist ungeheuerlich. Es braucht auch Moral und Pathos, und beides kann keine Maschine berechnen. Aber ohne Vernunft – und das muss ebenso berücksichtig werden – sind Moral und Pathos strunzdumm.
Vor dem Hintergrund der radikalen ökologischen Herausforderungen, auf die wir zurasen, ist es mit bloß rationalen Argumenten nicht getan. Ästhetisches Denken soll nach Welsch das Wahrnehmen mit der Reflexion – dem Denken – versöhnen und vor allem, wenn es nach mir geht: Empathie mit dem geschundenen Planeten hervorbringen. Es ginge darum, zwischen sinnlicher Wahrnehmung und begrifflichem Denken zu einer Vernunft zu gelangen, die moralisches Gespür für das Gemeinwohl hat und sich nicht von Gefühlen der Gier, Angst und Eitelkeit verderben lässt. Oder von empörten Verfechter*innen einer höheren Moral.
Das wäre auf jeden Fall eine schöne Sache.
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Literatur
- Aristoteles: Rhetorik
- Harry Lehmann: Ideologiemaschinen. Wie Cancel Culture funktioniert. Carl-Auer Verlag: Heidelberg 2024
- Philipp Hübl: Moralspektakel. Wie die richtige Haltung zum Statussymbol wurde und warum das die Welt nicht besser macht. Siedler: Berlin 2024
- Margit Osterloh & Katja & Rost: Exploring the leaky pipeline: Tokenism, status group effects, or self-selection? European Management Review, 23(3) 2026, 607–629. https://doi.org/10.1111/emre.70021
- Heidrun Deborah Kämper: Die Sprache der Rechten. Wie sie reden und was sie sagen. Reclam 2024
- Wolfgang Welsch: Ästhetisches Denken. https://www.socialnet.de/lexikon/Aesthetisches-Denken
[1] Das deckt sich – am Rande bemerkt –, mit dem, was Pierre Bourdieu rund 2300 Jahre später als Position im sozialen Markt bezeichnet hat.
[2] 2013 waren weltweit erstmals mehr Smartphones als konventionelle Mobiltelefone verkauft worden.
[3] https://www.youtube.com/watch?v=rc-8Qfpx46Q
[4] Milo Rau reiht sich damit in eine Reihe von mehr oder weniger linken Intellektuellen ein, die für eine Öffnung des Diskurses plädieren. Dazu zählen unter anderem der Dramaturg Bernd Stegemann (Die Öffentlichkeit und ihre Feinde), der Publizist Yascha Mounk (Im Zeitalter der Identität) sowie die Philosophen Robert Pfaller (Erwachsenensprache), Svenja Flaßpöhler (Sensibel), Susan Nauman (Links ist nicht woke), Omri Boehm (Radikaler Universalismus), Philipp Hübl (Moralspektakel) und Harry Lehmann. Merke: Auch dieser Text will durch die Nennung achtenswerter Persönlichkeiten (= Ethos) die Aufnahmebereitschaft für die geäußerten Ideen erhöhen. Wobei man aus genderfeministischer Perspektive bemängeln könnte, dass Frauen in der Liste der soeben Genannten in der Minderheit sind, aus postkolonialistischer Perspektive, dass postkolonialer Theoretiker fehlen, und aus völkischer Perspektive, dass jüdische Denker überrepräsentiert sind. – Und schon kriegt man ein Gespür für die Problematik der rein identitätsorientierten Betrachtungsweise von Ideen.
[5] „Rede von Wolfgang Schäuble zur Eröffnung des sanierten Parlamentsgebäudes“ –
https://www.parlament.gv.at/aktuelles/pk/jahr_2023/pk0018
[6] Ja, eigentlich reicht schon ein Blick. In der Ehrenkultur: „Was guckst du?!“ In der Opferkultur: der „männliche Blick“/der „kolonialistische Blick“.
[7] Ironie am Rand: Während der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch sein Plädoyer pro Gendersprache „Eine Frage der Moral nennt“ und eben aus diesem Winkel argumentiert, kommt der Moralphilosoph Roland Kipke im Aufsatz „Sind wir moralisch verpflichtet, eine gendergerechte Sprache zu verwenden?“ auf Basis rationaler linguistischer Betrachtungen zum Schluss, dass die Prämissen der Genderbefürworter der kritischen Prüfung nicht standhalten und das generische Maskulinum angesichts der Schwächen der Alternativen noch am ehesten dem Ziel „geschlechtergerechter“ Sprache entspricht.
[8] Der Germanist Fritz Breithaupt weist in seinem Buch „Das narrative Gehirn“ darauf hin, dass viele von Grimms Märchen sich auf der Metaebene um Verwundbarkeit drehen: Die Figuren werden ausgesetzt, bedroht oder verletzt und ihr Schicksal weckt Mitgefühl. So bereiteten die Brüder Grimm den Boden für Empathie mit Schwächeren und Benachteiligten, lange bevor Gesetze zum Minderheitenschutz erlassen wurden.
[9] https://www.socialnet.de/lexikon/Aesthetisches-Denken